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Ludwig van Beethoven

Klavierkonzerte Nr. 1-5

Pierre-Laurent Aimard, Chamber Orchestra of Europe, Nikolaus Harnoncourt

Teldec Classics/Warner 09274 73342
(2000 - 2002) 3 CDs

Harnoncourts Maxime: mit den eminent gestischen Mitteln der barocken Klangrede das Aufrüttelnde, Überzeitlich-Menschliche der klassischen Vorzeigewerke zu demonstrieren - wo könnte sie sinnfälliger Anwendung finden als bei Beethoven? Dass der wohl an Jahren, nicht jedoch im Innern alt gewordene Grand Seigneur der "Alten" Musik seinem Ruf als jugendlicher Agent provocateur nach wie vor treu bleibt, belegen nun die mit dem französischen Avantgardisten Aimard eingespielten Klavierkonzerte.
Wie ernst jene aufrüttelnde Maxime gemeint ist, das zeigen gerade die beiden Erstlingswerke. Harnoncourt will nichts wissen (wobei er natürlich weiß) von ihrer Herkunft im konventionell-klassischen Formenkanon Mozarts und Haydns; vielmehr stürmt er (im B-Dur-Werk) gerade so voran, als wolle er die Embleme der Französischen Revolution um ein musikalisches bereichern - bis dann Aimard das Gegenteil proklamiert - ein vollkommen nach Innen gewendetes lyrisches Ich - und damit auf romantisch Kommendes voraus weist. Man mag diese so überaus "ernste" und "fortschrittliche" Sicht der beiden Erstlinge für überzogen halten, zumal die vielen subjektiven Temposchwankungen, mit denen Harnoncourt und Aimard den charakteristisch Beethoven'schen Impetus des "Neuen", "Aufsässigen" hervorkehren, das metrische Gleichmaß mitunter über Gebühr stören - aber die "Störung" gelingt im besten Sinne: von langweiliger Konvention keine Spur! (Wobei nicht verschwiegen werden soll, dass das Überraschende, mitunter Frech-Skurrile im C-Dur-Opus etwas unterbelichtet bleibt - zumindest hier haben Rattle und Brendel doch einiges mehr vorzubringen.)
Die Vorgaben der beiden Erstlinge gelten auch für die drei großen, so genannten "sinfonischen Konzerte". Harnoncourt und Aimard inszenieren sie geradezu als Bühnenwerke, bei denen zwei Protagonisten mal kämpferisch, mal zärtlich-verträumt, in jedem Fall wunderbar leidenschaftlich mit- und gegeneinander agieren. Bei soviel menschlich-spontanem Gefühlsleben - Aimard spricht vom "Ausleben des Augenblicks" - kommt es verständlicherweise auch mal zu (kleinen, durchaus akzeptablen) asynchronen Irritationen. Trotz aller Brillanz und Fulminanz ordnet sich der Franzose unter - nicht das virtuose Ego, sondern die klangfarbliche Einordnung ist also Trumpf, wobei sich der mit moderner und zeitgenössischer Literatur Vertraute in den chromatisch rasanten Auf- und Abgängen des Es-Dur-Opus offenbar besonders wohl fühlt. Er tut gut daran, denn was Harnoncourt dem Orchester entlockt, hat Referenzcharakter: sein Ensemble strotzt einerseits vor herrischer Kraft und federnder Agilität, verzaubert andererseits mit luzidem, schlankem Stimmgeflecht - ein besonderes Lob hier für die Holzbläser. Die Aktions- und Reaktionsfreudigkeit dieses "Kammerorchesters" übertrifft jedenfalls auch diejenige von Rattles verschlankten Traditionalisten aus Wien. Dass mir das vierte Konzert gleichwohl nur bedingt zusagt, liegt - wiederum wie bei einigen Passagen des B-Dur-Werkes - an der Überbetonung des verinnerlichten, von Tempodehnungen fast zerfaserten Fantasie-Charakters: allzu sehr weist man hier auf Chopin voraus. Das schmälert den aufregenden Gesamteindruck zwar, stört ihn aber nicht wirklich.

Christoph Braun, 26.03.2003



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