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N° 1355
27.04. - 03.05.2024

nächste Aktualisierung
am 04.05.2024



Was verbindet den finnischen Komponisten Einojuhani Rautavaara mit zwei alten Emigrantinnen, die 1987 in ihrem Haus in Littoinen erfroren sind? So einiges: Rautavaara beschreibt, dass die Möglichkeit des Lebens und Schaffens in einer ganz eigenen Fantasiewelt der Schönheit in seiner Jugend ein wesentlicher Grund für ihn war, Komponist zu werden. Riina und Noora, die beiden Damen aus Littoinen, hatten sich auch eine Fantasiewelt erschaffen: Sie waren mit ihrer Familie ursprünglich deutsch-englischer Abstammung 1917 aus dem revolutionären Russland nach Finnland geflohen. Ihr Vater und ihr Bruder konnten dort aber nicht Fuß fassen und nahmen sich im Abstand von einigen Jahren das Leben; die Mutter starb an gebrochenem Herzen, die Dienerschaft floh, als das Geld aus war. So blieben die beiden Frauen schließlich allein in ihrem Haus namens Sonnengarten und behalfen sich auf rührend uneffektive Weise, um ihr ursprüngliches Leben weiterführen zu können: Den Müll, über dessen regulären Abtransport sie nichts wussten, entsorgten sie z. B. einfach in eines der Zimmer des Hauses - die Bevölkerung des Anwesens mit Ratten ließ nicht lang auf sich warten. Diese groteske Geschichte, von der Rautavaara 1987 in der Zeitung las, ließ in ihm das Gefühl einer Seelenverwandtschaft zu den beiden alten Damen aufkommen: Schufen nicht auch sie sich ihre eigene Welt, wenn sie so auch vollkommen ins Abseits gerieten? Man könnte darüber diskutieren, inwieweit auch das Berufsbild des Künstlers den Aspekt des Verleugnens der Realität in sich birgt ...
Rautavaara jedenfalls ließ sich zu einer Tragedia buffa in zwei Akten inspirieren, und man merkt dem Werk in jedem Moment das glühende Interesse seines Schöpfers am zu Grunde liegenden Stoff an: Sein aussagekräftiges, auf erweiterter Tonalität beruhendes musikalisches Idiom ermöglicht ihm ein breites Ausdrucksspektrum von wehmütig-lyrischer Gestimmtheit (so etwa die durch Mixturklänge und einfallsreiche Harmonisierung seltsam unwirklichen Passagen am Anfang und Ende des ersten Aktes, in der die Schwestern sich nach Erlösung aus ihrer Situation sehnen) bis hin zu jenen Momenten bedrohlicher, angsteinflößender Härte, die die Konfrontation mit der grausamen Realität eindrücklich versinnbildlichen.
Die vorliegende Aufnahme der Oper mit einem finnischen Sängerensemble und dem Oulu Symphony Orchestra unter Leitung von Mikko Franck kann nur als tadellos gelungen bezeichnet werden: Sie lässt hinsichtlich der Umsetzung von Rautavaaras Intentionen, soweit dies ohne Vergleichsmöglichkeit behauptet werden kann, wohl nichts zu wünschen übrig.

Michael Wersin, 01.09.2007


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