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N° 1236
15. - 21.01.2022

nächste Aktualisierung
am 22.01.2022



"Jeder Satz spricht, deute mich, und keiner will es dulden." Dies ist der Konflikt, den Theodor W. Adorno für die Interpretation der Werke Kafkas diagnostizierte. Der Librettist Paul Bentley hätte dieser Feststellung sicher zugestimmt, denn für die Eröffnung des neu erbauten Kopenhagener Opernhauses wählte er Franz Kafkas hochkomplexen Roman "Der Prozess" als sein Opernsujet. Das Booklet der nun erschienenen CD klärt auf, in welcher Form Bentley die Ambivalenzen des Protagonisten K. in der Dramatisierung verarbeitet. Bentley verweist auf zwei Liebesbeziehungen, die Kafka mit Felice Bauer und Greta Bloch aufrecht erhielt. Für keine von beiden konnte er sich entscheiden, zermürbende Jahre und seelische Qualen waren das Ergebnis - und der Entstehungsgrund für den Roman, möchte man Bentley folgen. So wird Kafka mit K. gleichgesetzt, dem wiederum die Frauenfiguren aus dem Roman gegenüber gestellt werden. Bentley hebt überdies Einflüsse jiddischen Theaters hervor, die er im Roman erkennt und mit deren Hilfe der Komponist Poul Ruders seine musikalischen Motive illustriert. Sie wollen dem szenischen Wechsel von biografischer Schilderung und romanhafter Beschreibung gerecht werden.
Ruders widersetzt sich mit seinem Kompositionsstil jeglichen Standards. Der Zuhörer wird von quietschenden Posaunen wach gerüttelt, der Flügel klimpert Terzläufe, die sich in Halbtönen aufwärts geschichteten Schritten wiederholen, ohne Dissonanzen Rücksicht zu nehmen. Zwischendurch erklingen folkloristisch inspirierte Melodien; Klarinettenschreie, die sich der jiddischen Tonleiter bedienen. Kurze Intermezzi, wie das Violinsolo im Verlauf der ersten Szene, wirken wie ruhige Pole, die das sonst so schnelle Tempo unterbrechen.
Der Schluss stellt beispielhaft dar, auf welchen Fundamenten das Libretto basiert. K. (= Kafka) wird von seinen Henkern und - anders als im Roman beschrieben - von Felice und Greta begleitet. Beide Frauen sind Grund des Prozesses, den K. mit seinem Gewissen bestreitet. Das Urteil als Antwort auf die Frage "Welche Frau liebe ich nun eigentlich?" wird jedoch nicht gefällt. K. gibt sich seinem Schicksal hin und verendet an dem Messerstich des Henkers "wie ein Hund". Bentley bietet jenen, die nach einer führenden Hand beim Verständnis des Romans suchen, klare Antworten. Trotz der starken Momente in der musikalischen Struktur bleibt die Spannung nicht immer erhalten. Eine DVD-Version wäre wünschenswert gewesen, die die Überlappungen und Austauschbarkeiten der Figuren visualisiert. Denn im szenischen Interagieren zwischen Text und Musik liegt die eigentliche Stärke dieser Dramatisierung.

Tomasz Kurianowicz, 01.09.2006



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