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N° 1229
27.11. - 03.12.2021

nächste Aktualisierung
am 04.12.2021



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Edgar Varèse

Amériques, Arcana, Déserts, Ionisation

Chicago Symphony Orchestra, Pierre Boulez

Deutsche Grammophon 471 137-2
(68 Min., 12/1995, 12/1996) 1 CD

Varèse zum Wohlfühlen – nein, dies ist nicht etwa der Titel einer neuen Folge der Reihe "Klassik für schöne Stunden". Doch unter diesem Motto könnten Pierre Boulez' neueste Einspielungen mit Orchesterwerken des Vaters der Avantgarde stehen – naja, was heißt "neueste": Die Aufnahmen sind bereits fünf bzw. sechs Jahre alt. So elegant und entspannt wie hier sind Varèses gnadenlose Partituren wohl noch nie erklungen. Boulez hat kein Interesse mehr daran, das Element des Brutalen, Geräuschhaften in dieser Musik herauszuarbeiten, wie er das in seinen alten Aufnahmen bei Sony in beeindruckender Weise getan hat. Stattdessen erforscht er das Innenleben des Klangs, die verästelten Binnenstrukturen – mit dem Ergebnis, dass etwa in "Amériques" wesentlich mehr Farbvaleurs in Erscheinung treten als gemeinhin üblich. Die archaische Wucht der zahlreichen Tutti, das Anschwellen bis zur Schmerzgrenze in der Schlusssteigerung jedoch erscheint zurückgenommen; die wichtigen Sirenen, die mit ihren Glissandi für Varèse Symbol einer freien und grenzenlosen Erkundung des Tonraums darstellten, bleiben dezent im Hintergrund – wenn man sie denn überhaupt je hört. Dafür kommen die Anklänge an Debussy, die in späteren Werken des Komponisten getilgt sind, umso deutlicher zum Tragen.
Auch "Arcana", das zweite Varèse-Werk für Riesenorchester, entbehrt in Boulez' Interpretation ein wenig der geballten Wucht, und das Schlagzeugstück "Ionisation" erklingt vor allem als fein ausgehörte Rhythmusstudie unter Verzicht auf bruitistische Exzesse. Manch einer, dem Varèses Musik sonst zu anstrengend ist, mag das begrüßen und in dieser Einspielung Schönheiten entdecken, die ihm ansonsten verborgen bleiben.
Doch ein wichtiges Grundelement der Tonsprache Varèses bleibt in dieser Einspielung unterbelichtet: Die Schockwirkung des unerhört Neuen, das Pathos einer von Industrie und Technik dominierten Welt. Als Ergänzung der Diskografie des Varèse-Kenners ist diese noble und niveauvolle Einspielung unverzichtbar. Wer sich jedoch mit der Musik dieses faszinierenden Komponisten bekannt machen möchte, ist mit der Gesamtaufnahme unter Leitung von Riccard Chailly bei Decca (siehe Rezension) besser bedient.

Thomas Schulz, 05.07.2001



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