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N° 1220
25.09. - 01.10.2021

nächste Aktualisierung
am 02.10.2021



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Ludwig van Beethoven

Sämtliche Sonaten für Klavier u.a.

Friedrich Gulda

Decca/Universal 475 6835
(1950-1958) 11 CDs

Ach, könnte man mit Kleistens Alkmene ausrufen, ach, was waren das doch für Zeiten damals, vor allem in Wien, der bedeutendsten Musikmetropole der 1950er Jahre, noch vor London, New York und Paris (und natürlich, wer wollte das verneinen, vor dem erst langsam sich lichtenden Trümmerhaufen Berlin). Jedes Herz muss höher schlagen angesichts der Fülle an Musik, an Musikerpersönlichkeiten, an Musikereignissen. Und hier im Besonderen muss dies das Herz all jener Kunstsinnigen, die das Klavier zu ihrem Liebling erklärt haben. In Wien nämlich wohnten und lebten und spielten gleich sechs Pianisten, deren Bedeutung bis heute unangefochten glüht und blüht. Lassen wir uns deshalb kurz noch einmal die Namen dieser Group des Six auf der Zunge zerfließen: Alfred Brendel! Paul Badura-Skoda! Jörg Demus! Ingrid Haebler! Walter Klien! Und, Sie wissen es schon: Friedrich Gulda! Welche Wonne, welche Lust, möchte man (nunmehr mit Mozart) meinen, denn ein solches Füllhorn an klavieristischem Potential kann man sich heutzutage, und nicht nur in Österreichs Kapitale, nur erträumen. Und wenn man dann noch den jungen Gulda an der Seite der Wiener Philharmoniker und des Tyrannen Karl Böhm das erste Klavierkonzert in die Welt hineinzaubern hört (live aus dem Musikverein, Mai 1951), ja dann – dann muss man eigentlich fast heulen.
Und doch. Es gibt Einwände. Sogar erhebliche Einwände. Sie beziehen sich auf die Art, wie der junge Gulda in den Jahren zwischen 1950 und 1958 sich ganz grundsätzlich dem Phänomen Beethoven annähert, wie er dessen 32 Klaviersonaten angeht, teilweise übergeht. Mögen die Damen und Herren seinerzeit den Vergleich mit den Heroen Artur Schnabel und Wilhelm Kempff angestrengt haben, so ist das, vor allem wenn man Schnabels kühn-vitale Unerbittlichkeit gegenüber Beethoven kennt (für Liebhaber: bei Brillant Classics ist eine dies dokumentierende Box ganz und gar kostengünstig zu erwerben), schlichtweg barer Unfug. Gulda nämlich spielt Beethoven, zumal den frühen Beethoven, so, als würde er gleich zum Examen hereingebeten und müsste seine Krawatte noch eben binden. Er spielt ihn ohne Verve, ohne Feuer, er spielt ihn wie ein Pennäler, der vor Mozarts imaginärem Denkmal steht. Eine Harmlosigkeit sondergleichen, die, um nur ein Beispiel zu nennen, völlig außer Acht lässt, dass der zweite, langsame Satz der Sonate op. 2 Nr. 3 in E-Dur im Grunde die Antizipation all jener kontemplativen Versenkung ist, die man erst in den mittleren und späten Sonaten beglaubigt findet. Gulda verzärtelt diesen Satz in ungehörlicher Art und Weise, ganz traurig diese bezähmte Energie. Auch die "Mondschein-Sonate", daraus der erste Satz: meine Güte, ist das ein Schleier, ein Überhall, ein nebulöses Etwas. Und so murmelt sich Gulda weiter gleichsam an Beethoven vorbei. Erst in der großen f-Moll-Sonate op. 57, der so genannten "Appassionata", findet Gulda seinen Ton, sein Temperament, findet er den packenden Zugriff auf Beethovens ungestümen und doch so verletzlichen Geist. Und dann schließlich erreicht er – nach einer insbesondere klanglich ziemlich verunglückten "Hammerklavier-Sonate" – doch noch den Gipfel. Nämlich mit den letzten drei Sonaten. Pianistische Souveränität paart sich mit philosophischer Tiefe, klangliche Raffinesse mit geistvoller Stück-Dramaturgie. Alles in allem liegt hier ein Paket voller Überraschungen vor uns. Wer Gulda liebt, sollte es sich nicht entgehen lassen, um der Liebe Dauer zu überprüfen. Wer ihn ohnehin nicht liebt, der sollte gleich Brendel oder Schnabel oder einen anderen der Großen, die es heute kaum noch gibt, anhören.

Jürgen Otten, 21.07.2005



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