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Alfred Schnittke

Violinkonzerte Nr. 1 bis 4

Gidon Kremer, Chamber Orchestra of Europe, NDR Sinfonieorchester, Philharmonia Orchestra, Christoph Eschenbach

Teldec/Warner Classics 3984-26866-2
(111 Min., 1993 - 1999) 2 CDs

Der "Schmerzensmann" Alfred Schnittke hatte ein besonderes Verhältnis zur Geige und ist wohl der einzige zeitgenössische Komponist von Rang, der vier Konzerte für sie schrieb. Und er komponierte immer für und nicht gegen das Instrument, weswegen seine Werke von vielen Geigern, unter anderem Daniel Hope, besonders gern gespielt werden. Schnittke hatte auch ein besonders herzliches Verhältnis zu Gidon Kremer, der sich sehr für seine Musik einsetzt und auch mehrere Schnittke-Kompositionen uraufgeführt hat, unter ihnen das Vierte Konzert.
Die vier Violinkonzerte, die hier erstmals gesammelt vorliegen, zeigen die Stärke und auch die Zwiespältigkeit des Komponisten Schnittke – zumindest tun dies die Nummern Drei und Vier. An Schnittkes Werken fasziniert vor allem ihre unverstellte Emotionalität. Das ist Musik mit bloßgelegten Nervenenden, die bis an die Grenzen geht. Dabei verlässt sie aber nie den Boden der Tradition, zitiert diese in wehmütigen Melodien oft herbei, wohl wissend, dass die heil geglaubte Welt der Vergangenheit durch Zitate (Schnittke spricht netterweise von "geschminkten Leichen") nicht zum Leben erweckt werden kann. Doch vermisse ich in Schnittkes kompositorischer Physiognomie eine größere Ausdrucksbreite. Seine Musik besteht in erster Linie aus dreißig Prozent galligem, bösartigem Humor und siebzig Prozent todgeweihter Agonie, und das kann auf Dauer durchaus ermüden.
Insofern ist das Erste Violinkonzert, Schnittkes Opus 1, die große Überraschung. Natürlich klingt dieses Jugendwerk gelegentlich nach Prokofjew und Schostakowitsch, doch an vielen Stellen, besonders in den ersten beiden Sätzen, meldet sich ein ganz eigener Ton, atmosphärisch, entspannt, transparent, der keine Einflüsse kennt und auch im späteren Schnittke nicht wiederzufinden ist.
Gidon Kremer gibt alles für diese Musik – gelegentlich auch zuviel: Auf seine Vokalisierungen der "unsichtbaren Kadenzen" im Vierten Konzert hätte ich sehr gerne verzichtet. Gleichwohl verhilft Kremer durch seine Technik und die unbedingte Identifikation mit Schnittkes Tonsprache den Werken zu hoher Überzeugungskraft.

Thomas Schulz, 16.11.2000



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