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Mikolajus Ciurlionis

Sämtliche Klavierwerke (Folge 1)

Nikolaus Lahusen

Celestial Harmonies/Naxos 0 13711 31842 5
(72 Min., 6/1999 - 12/1999) 1 CD

Eine kleine, aber erlesene Ausstellung im Musée de Orsay widmete sich kürzlich dem litauischen Maler und Komponisten Mikolajus Ciurlionis. „Sonaten“ nannte er einen Zyklus symbolistischer Pastelle, feingliedrig-versponnene und formal ungemein gefeilte Visionen der Suche nach dem gemeinsamen Quell aller Künste. Man konnte da die Kluft zwischen geradezu unmäßigem Zielen und einer zaghaft-tüftelnden, verfeinerten Kunst spüren. Eine Melancholie der Sehnsucht und des Scheiterns. Ein Skrjabin wagte das Unmäßige, Unmögliche. Bis zum Zeremonialbau für das „Mysterium“ war es gar nicht mehr so weit, er ahnte, dass er seinem Wahn künstlerisch durchaus gewachsen war. Ciurlionis Ansätze mystischer Synästhesien aber erstarren in überladenen, komplizierten Bedeutungskonstruktionen.
Ich nörgele ungern bei Raritätenproduktionen wie dieser CD. Sie machen unser Leben schön. Wenn nicht die Interpreten mutig auf Entdeckungsfahrt gingen, was würde dann aus den Namen in den Lexika? Nikolaus Lahusen beginnt hier eine Gesamteinspielung aller 250 Nummern von Ciurlionis´ Klavierwerk. Man hört den Ernst, die professorale Rettungssorgfalt. Erst mal das Material sichten und begreifen, dann kommt die Poesie schon mit. Sie will aber nicht recht, von den Visionen Ciurlionis´ erzählen die Präludien, Nocturnes und die langweiligen Fugen erst recht nicht.
Das Zweitklassige entfaltet oft seinen Scharm nur, wenn der Künstler das Aroma erlesenen Misslingens in eine Art kultivierter Schlampigkeit übersetzt. Wenn sie in die zwei Folgen mit Werken Ciurlionis hören, die Muza Rubackyté bei Marco Polo vor ein paar Jahren veröffentlichte, verstehen Sie, was ich meine. Im Cis-Moll-Nocturne etwa weht uns ein etwas träger, schwer zu beschreibender Jahrhundertwende-Duft entgegen, da hören wir, wie der Komponist sich in verregnete japanische Gärten träumt mit pentatonisch rieselnden Figuren. Mit lässigem Debussy-Anklang gelingt der Interpretin ansatzweise Ciurlionis´ Eingemeindung in den großen Strom der europäischen Jahrhundertwendekultur.
Nikolaus Lahusen aber feilt so sorgsam an diesen Stücken, die ihre harmlosen Einfälle in kompliziertem Kontrapunkt gleichsam graphisch einflechten, ja erwürgen, dass uns ihre Armut und Fadenscheinigkeit allzu deutlich wird. Aber warten wir die weiteren Folgen ab.

Matthias Kornemann, 19.04.2001



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