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Morton Feldman

Neither

Petra Hoffmann, Symphonieorchester des BR, Kwamé Ryan

Col legno/Helikon WWE 1CD 20081
(56 Min., 7/1998) 1 CD

Ob sich der amerikanische Komponist Morton Feldman wohl ins Fäustchen lachte, als er "Neither" eine Oper nannte? Ein weniger opernhaftes Werk als dieses gibt es nämlich nicht, ebenso wie es wohl kaum einen Komponisten geben dürfte, dessen Musik sich so dem Musiktheater wie überhaupt jeder Art konventioneller Dramatik verweigert, wie Morton Feldman. Er verwendet in "Neither" lediglich einen sechzehnzeiligen Text von Samuel Beckett, den dieser extra für Feldman schrieb. Ein Solo-Sopran ist das einzige vokale Element und gesungen wir auch nur gelegentlich; die Gesangs-Stellen werden von reinen Orchesterpassagen umrahmt.
Eine äußere Handlung gibt es in dem kurzen Text nicht, und es wäre interessant, wie ein Regisseur das Stück "inszenierte". Anlässlich der Aufführung in einem Münchener Musica-Viva-Konzert, die für diese CD mitgeschnitten wurde, dachte man an eine Visualisierung durch Licht-Effekte; schließlich wurde aber doch davon Abstand genommen.
Wie in den meisten der Werke seiner letzten Lebensjahre – er starb 1987 – schreibt Feldman auch in "Neither" eine extrem langsame und leise Musik, die sich nicht im herkömmlichen Sinn "entwickelt", sondern in der kleinste Partikel wiederholt werden, mit leichten Änderungen, woraus sich allmählich ein neuer Abschnitt entwickelt. Die Sängerin singt nur in höchster Lage; Textverständlichkeit ist nicht gegeben. Wie gesagt: Mit Oper im hat das eigentlich nichts zu tun, und "richtige" Opernfreunde dürften sich mit Grausen abwenden. Feldmans stoisch ruhige Klänge können jedoch, offene Ohren vorausgesetzt, dazu führen, das Hören neu zu entdecken, wirklich mit den Ohren in die Musik einzudringen. Die Sopranistin Petra Hoffman und Kwamé Ryan haben sich Feldmans introvertierte Welt völlig zu Eigen gemacht und vermitteln sie auf souveräne Weise, ohne missionarischen Eifer.

Thomas Schulz, 03.08.2000



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