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Otto Nicolai

Ouvertüren

Friedrich Höricke, WDR Sinfonieorchester Köln, Michail Jurowski

Capriccio/EMI 10 592
(63 Min., 10/1996) 1 CD

Diese Aufnahme beginnt mit dem wohl Bekanntesten, was es von Otto Nicolai gibt: der Ouvertüre zur Shakespeare-Oper “Die lustigen Weiber von Windsor”. Und dann kommt nur noch Unbekanntes. Nicolai wird ja unterschätzt - er wurde es sogar von einem Kenner wie Robert Schumann. In der Zeitung blafften beide einander an; es ging um Nicolais Ästhetik einer deutschen Gründlichkeit, gepaart mit italienischer Leichtigkeit. Dabei müsste man nur mal die Choralvariationen auf “Ein feste Burg ist unser Gott” hören (hier eingespielt), um zu ermessen, wie deutsch Nicolai sein konnte. Dieser herrliche protestantische Choral wird nicht nur sensibel harmonisiert, sondern auch durch alle Feuer des Bachischen Kontrapunkts gejagt. Nun, Nicolai war ja eine Zeitlang Organist, wenn auch in Italien.
Von seinen italienischen Kollegen schätzte er am meisten Vincenzo Bellini, der - zusammen mit seiner Oper “Norma” - gleich zweimal hier auftaucht: einmal in der “Fantaisie et Variations brillantes über ein Thema aus Norma”, genau so, nämlich hochbrillant, gespielt von dem Pianisten Friedrich Höricke wie auch vom Orchester; zum anderen in dem “Trauermarsch”, den Nicolai nach Bellinis Tod komponierte und der gegen Ende ebenfalls “Norma” zitiert. Den Rest des ungewöhnlichen, von hohem Repertoirewert geadelten Programms bilden Ouvertüren zweier damals erfolgreicher, heute aber gründlich vergessener Opern: “Der Tempelritter” und “Die Heimkehr des Verbannten”. Schon mal was davon gehört? Ich jedenfalls nicht.
Um so mehr freue ich mich über diese CD, denn die Orchesterleistung ist exzellent, das Dirigat liebevoll und der Klang sauber; lediglich wenn in der “Kirchlichen Festouvertüre” der Chor hinzutritt, wird’s etwas klobig (auch schreien die Herren zu sehr in der Schlussapotheose). Der Russe Jurowski hat jedenfalls ein gutes Gespür für die deutschen und die italienischen Aspekte in Otto Nicolais Musik. Man muss das nicht immer lieben, manches ist gewiss etwas formelhaft (Themenkontraste, Paukenwirbel), aber als Rarität kann die CD uneingeschränkt empfohlen werden.

Thomas Rübenacker, 30.04.1998



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