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Marin Marais

Pièces de violes du second livre, 1701

Jordi Savall, Pierre Hantaï, Rolf Lislevand, Xavier Díaz-Latorre, Philippe Pierlot

Alia Vox/Universal AV 9828
(66 Min., 1/2003 - 2/2003) 1 CD

Seit der Tourismus den Mount Everest erreicht hat, könnte man glauben, es gäbe keine Abenteuer mehr. Aber weit gefehlt - man suche sich nur die richtigen Berge aus. Jordi Savall jedenfalls hat sich mit diesem Album an die zweite Etappe seines Aufstiegs zum Musenberg der Gambe, des von ihm so genannten ”Parnass der Viola da Gamba” gemacht. In der Tat: eine gültige Auswahl der Höhepunkte der Gambenliteratur vorzulegen, darf sich mit der Erstbesteigung eines schrofferen Achttausenders messen, denn noch ist der Nimbus des Cellos stärker als jener der Bassgambe. Mit zwei ausgedehnten Suiten von Marin Marais beweist Jordi Savall, dass er die Kraft zu diesem Unterfangen hat. Und Marais (den Dépardieu-Fans als den ehrgeizigen Gambenschüler kennen, der sich unter die Hütte seines Lehrers de Sainte Colombe legt, um das Geheimnis des Spiels auf der siebenten Saite zu erfahren), dieser Marais also setzt Savall einen heilsamen Widerstand entgegen. Denn seinen schier endlos langen Suiten mit ihren intrikaten "Tombeaus" (Hommagen an Marais' Lehrer de Sainte Colombe und Lully) ist nicht mit jenem fetzigen Swing beizukommen, mit dem Savall lange und erfolgreich auf der "iberischen Welle" in der Alte-Musik-Szene ritt. Was von diesem Impuls bleibt, ist der stets präsente rhythmische Kern, der den ausgeklügelten Überbau aus echter und angedeuteter Mehrstimmigkeit von innen heraus belebt, statt die Stücke zu banalisieren. Jede Phrase hat die Kraft eines tiefen Seufzers vielleicht, damit wir den silbrigen Tränen, die Savall in der Höhe mit geradezu menschlich weinendem Ton vergießt, auch Glauben schenken. Wobei sich diese Tränen Dank der ausgesuchten Continuogruppe in ein Erdreich ergießen, das mit tröstend warmen und satten barocken Farben gemalt ist.

Carsten Niemann, 04.10.2003



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