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Alban Berg

Jugendlieder, Sieben frühe Lieder, Altenberg-Lieder

Jessye Norman, Ann Schein, London Symphony Orchestra, Pierre Boulez

Sony SK 66826
(48 Min.) 1 CD

Die von Jessye Norman in ihrem Recital vorgestellten Lieder dokumentieren die künstlerische Selbstfindung eines Komponisten. In den Jugendliedern, die Alban Berg 1904-1908 während seiner Lehrzeit bei Schönberg schrieb, zeigt sich begreiflicherweise vor allem das Aufarbeiten der Liedtradition des 19. Jahrhunderts. Melodische und gestalterische Charakterzüge von Schumann, Brahms und Wolf tauchen allenthalben auf, von Berg jedoch stets individuell aufgegriffen und verarbeitet. Noch gibt es kaum Querverweise auf Schönbergs harmonische Kühnheiten. Einige dieser Jugendlieder hat Berg 1928 nachträglich orchestriert und zu den "Sieben frühen Liedern" zusammengestellt. In ihnen verbindet sich die romantisch/impressionistisch geprägte Tonsprache des jungen Kompositionsschülers mit der Klangfarbenkunst des erfahrenen Tonsetzers – eine faszinierende Kombination.
In den "Altenberg-Liedern" von 1912 schließlich begegnen wir der voll ausgeprägten künstlerischen Physiognomie Alban Bergs. Es sind lyrische Ausdrucksstudien von höchster Konzentration. Ungewöhnliche, zum Teil bis dahin ungehörte Klangfarbenkombinationen und Spieltechniken dominieren. In der Behandlung des Tonmaterials zeigt sich Berg seiner Zeit weit voraus: Zu Beginn und am Ende des dritten Lieds erscheint ein zwölftöniger Akkord, und im Schlußstück findet sich eine komplette Zwölftonreihe. Nicht umsonst kam es bei einer ersten Teilaufführung der aphoristisch kurzen Stücke zu einem handfesten Skandal! Ein Lied nach Theodor Storm, "Schließe mir die Augen beide", das Berg zweimal, 1907 und 1925, vertonte (das zweite Mal zwölftönig) rundet Jessye Normans Berg-Programm ab.
Es ist kaum zu glauben, daß die Aufnahmen innerhalb eines Zeitraums von zehn Jahren entstanden (die "Altenberg-Lieder" wurden schon 1984 aufgezeichnet): Die Stimme der Norman klingt unverändert flexibel, glockenrein und seelenvoll. An ihrer Wortverständlichkeit könnte sich manche deutsche Kollegin ein Beispiel nehmen. Sie beherrscht den unschuldsvollen Ton der Jugendlieder ebenso mühelos wie das atonale bzw. zwölftönige Idiom der späteren Stücke. Lediglich in den "Altenberg-Liedern" wirkt sie, besonders in den höheren Lagen, gelegentlich etwas angestrengt. Einige im untersten pianissimo-Bereich angesiedelte Stellen geht sie auch etwas zu vollmundig an. In den Jugendliedern und den Storm-Vertonungen steht ihr mit Ann Schein eine sehr nuanciert agierende Klavierpartnerin zur Verfügung; Pierre Boulez begleitet mit der Stilsicherheit und analytischen Akribie, die man von ihm kennt. An dieser CD gibt es nur eins zu bemängeln: ihre Kürze. Hätte Jessye Norman sich nicht auch noch für die Lieder op. 2 oder die Konzertarie "Der Wein" begeistern können?

Thomas Schulz, 31.03.1995



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