Responsive image
Alban Berg, Ludwig van Beethoven, György Ligeti u.a.

Klaviersonate, Klaviersonate Nr. 23 ("Appassionata"), Etüden u.a.

Pierre-Laurent Aimard

Teldec/Warner Classics 0927-43088-2
(75 Min., 12/2001) 1 CD

Pierre-Laurent Aimards Soloabende sind umfangreich und anspruchsvoll. Für die New Yorker Carnegie Hall standen Berg und Beethoven, Liszt, Debussy, Messiaen und Ligeti auf dem Programm, und dass man als Hörer gut zwei Stunden mit Spannung bei der Sache bleibt, zeugt von der geistigen Kraft, die von diesem Pianisten ausgeht. Dabei ist eigentlich alles, was er tut, ganz unprätentiös, oder man könnte sagen, doch nur so, wie es sein soll.
Bergs Klaviersonate, ein Werk des Übergangs, ebenso hochromatisch wie hochpolyfon, wird von Aimard eben so gespielt, nämlich romantisch - mit Emphase, mit empfindsamen Rubati - und mit einer Klarheit der Stimmführung, die ihn noch in den komplexesten Werken von Messiaen und Ligeti auszeichnet. Beethovens "Appassionata" erscheint bei Aimard stellenweise als pointillistisches Klanggemälde, dabei von selbstverständlicher Sicherheit, ausgeglichen auch im Angesicht der Kontrastierungen, die aber keinesfalls nivelliert wirken. Hier zeigt sich, dass Aimard das Potenzial jedes Klangs nachzeichnet. Formalismus oder die Überbetonung des Konstruktiven, wie sie bei Beethoven-Interpretationen gelegentlich vorkommen, sind ihm fremd, dabei wirkt dieser "klassische" Teil des Konzerts geschlossen und formvollendet.
Die Kompositionen des zweiten Teils charakterisiert Aimard als "visuelle Werke". Tatsächlich geht hier ein Bogen vom tonmalenden Liszt mit dem über den Wogen schreitenden "St. Francis de Paule" und die "Reflets dans l'eau" und "Poissons d'or" von Claude Debussy bis zu drei Klavieretüden von György Ligeti. Debussys "Images", von denen aus Zeitgründen nur zwei in die CD aufgenommen werden konnten, halten einem Vergleich mit Michelangelis legendärer Einspielung stand: Hier ist Aimard ganz besonders in seinem Element, und die vielfarbigen Klanggebilde spielt er mit bestechender Brillanz.
Aimard gilt zu Recht als Messian-Spezialist, denn in dem Komponisten hatte er einst einen großen Freund gefunden, und so taucht Messiaen noch in einer der drei Zugaben mit der "Première communion de la vierge" aus den "Vingt Regards sur l'Enfant Jesus" auf.
Eine großartige Live-Aufnahme, die neben dem intellektuellen und sinnlichen Vergnügen an der Musik auch zeigt, wie nah Werke aus verschiedenen Epochen der Musikgeschichte zueinander stehen können und wie folgerichtig die musikhistorische Entwicklung sein kann.

Matthias Reisner, 23.05.2002



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Optimismus versprühen in der Krise, das hat sich die 24-jährige deutsch-griechische Pianistin Kiveli Dörken auf die Fahnen geschrieben – ob beim Molyvos International Music Festival auf der Insel Lesbos, das sie gemeinsam mit ihrer Schwester Danae gegründet hat, mit dem „Lockdown-Diaries“ betitelten Video-Blog oder ihrer jüngst erschienenen Debüt-CD. Auf der widmet sich die Pianistin ganz dem tschechischen Komponisten Josef Suk. Zunächst mit dessen Klavierquintett in g-Moll op. 8, […] mehr »


Top