Der alte Gianandrea Gavazzeni (Jahrgang 1909) hebt den Stab und lenkt das Orchester der Scala mit leicht sklerotischen Bewegungen durch die Orchestereinleitung zum ersten Akt: Im Mai 1939 ging in Mailand die von Lamberto Puggelli eigens für Mirella Freni in Szene gesetzte „Fedora“ vor ausverkauftem Haus über die Bühne. Wir werden Zeugen einer live mitgeschnittenen Aufführung. Man ist hin- und hergerissen: Eigentlich ist es ja beachtlich, was die 1935 geborene Mirella Freni nach fast 40-jähriger Bühnenkarriere als Fedora stimmlich noch zuwege brachte; Plácido Domingo (geb. 1941 oder früher) ist dagegen ja fast noch ein junger Hüpfer. Aber wenn die Kamera so gnadenlos draufhält, dann bekommt die melodramatische Romanze zwischen der Titelheldin und dem Grafen Loris Ipanoff in dieser Besetzung doch eine deutliche geriatrische Note. In die Jahre gekommen sind selbstverständlich auch die Stimmen der beiden wackeren Bühnengrößen, die mit großem Einsatz erstaunlich kraftvoll, aber doch auch deutlich angeschlagen durch ihre Partien steuern. Hat man ihre glanzvollen Karrieren, ihre einstigen Spitzenleistungen mit im Blick, dann kommt tatsächlich so etwas wie ein wehmutsgeschwängertes Hingerissensein zustande – aber was ist mit denjenigen Klassikinteressierten, die ohne solchen Erfahrungshintergrund in dieses ganz altmodisch ausgestattete Kostümspektakel (Bühnenbild und Kostüme: Luisa Spinatelli) stolpern? Man könnte die These vertreten, dass so eine Schmonzette (Verzeihung, Herr Giordano) wie die „Fedora“ nur mit jüngeren, völlig intakten Stimmen und einigermaßen jugendlichen Darstellern ein Genuss sein kann.

Michael Wersin, 14.04.2007



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