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N° 1220
25.09. - 01.10.2021

nächste Aktualisierung
am 02.10.2021



Im Kölner Raum, und gewiss auch anderswo, gibt es Menschen, die schlüpfen nach Feierabend gern in Kostüme und sind dann für ein verlängertes Wochenende zum Beispiel Wikinger, Indianer oder Ritter. Dagegen ist nichts einzuwenden, solange diese Menschen montags bei der Arbeit wieder in normalen Sachen erscheinen und in der Kantine Kaffee statt Met bestellen. Vladimír Godár allerdings scheint die Sache mit dem Karneval auf Zeit irgendwie missverstanden zu haben und richtet sich in der Wunschwelt gleich ein ganzes Komponistenleben ein. Und irgendwie kann man ihn auch verstehen. Denn in dieser Welt geht es noch so richtig schön transzendent zu – da lässt sich die Seele erschüttern mit einem kleinen Melodiebogen, der Tod bedenken mit einer einfachen Akkordfolge und ganz umstandslos und auf Slowakisch mit Gott parlieren. Wozu sich also weiter ärgern mit den Zeitgenossen und der Gegenwart, wenn die Phantasie das Glück so nahe legt?
Kitsch ist immer auch eine Lüge. Dass Godár ihr glaubt und es sich in einer imaginierten Vergangenheit gemütlich macht, die in Wahrheit mehr mit Karl May und Walt Disney zu tun hat als mit Josquin oder Monteverdi, das ist persönlich vielleicht ein bisschen tragisch, aber eigentlich auch nicht weiter schlimm. Um beim Thema Karneval zu bleiben: Jeder Jeck ist nun mal anders. Schade nur, dass ein renommiertes Label wie ECM solch traurigen Krimskrams ernsthaft unters hörende Volk zu bringen gedenkt und damit rudimentärstem kritischen Sachverstand, geschichtlichen wie musikalischen, ohne erkennbare Not Lebewohl sagt. Man mag sich über Arvo Pärt ja gern noch streiten: Godár aber knipst wirklich alle Lichter aus.

Raoul Mörchen, 08.02.2007



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