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N° 1272
24. - 30.09.2022

nächste Aktualisierung
am 01.10.2022



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Walter Goehr

Malpopita (Funkoper 1931)

Hennig, Milek, Herrig, Kammerorchester- und chor "Malpopita", Jian Wang

Capriccio/Delta Music 60 124
(77 Min., 5/2004) 1 CD

"Arbeit, Öl, Arbeit, Öl" - so skandiert ein Chor abgestumpfter Werktätiger zur Eröffnung der ersten Funkoper von 1931. Und in ähnlicher Direktheit werden die Botschaften dieses deutlich von Brecht/Weills "Mahagonny" inspirierten Stücks auch weiterhin transportiert: Der Arbeiter Adam Schickedanz verlässt seine Fabrik, heuert auf einem Seelenverkäufer an, man strandet an einer paradiesischen Insel namens Malpopita, doch die Idylle zerbricht erst am Streit um die mitgereiste Frau mit dem sprechenden Namen Evelyne und schließlich am Fund von Öl, der zwangsläufig den Bau einer Raffinerie und damit die Wiedereinführung der zurückgelassenen Abhängigkeiten mit sich zieht. Man könnte das abtun, doch erstens müssen einfache und bereits ausgesprochene Botschaften ja nicht unbedingt falsch sein. Und zweitens entfaltet das rotzige Arbeiterpathos, das in dem Stück mitschwingt, einen eigenen ästhetischen Reiz - vergleichbar dem jener Fabrikbauten, die seit neuestem zum Weltkulturerbe der UNESCO erhoben werden. Die Musik des bis dato reichlich vergessenen Berliner Allroundmusikers Walter Goehr besticht durch die knappe und präzise Schilderung der einzelnen Situationen und Milieus, wobei er vom Seemannslied über den Jazz bis hin zu einer an seinen Lehrern Krenek und Schönberg geschulten Avantgarde gekonnt die unterschiedlichsten Stilistiken verbindet. Eine nicht minder große Begabung ist allerdings in Andrew Hannan zu entdecken, der das Stück, von dem nur ein Klavierauszug existiert, für die Wiederaufführung so brillant neu instrumentiert hat, wie es auch Weill nicht besser hätte machen können. Die durchweg talentierten jungen Solisten dieses als Off-Produktion begonnenen Projekts, sowie das Orchester unter der Leitung von Jin Wang vom Team der Komischen Oper Berlin überzeugen als Ästheten, wenn auch nicht immer als Proleten; ein Radio-Feature zur Geschichte von Stück und Projekt rundet die liebevolle und stimmige Ausgrabung des Pionierwerks und Zeitstücks ab.

Carsten Niemann, 11.03.2006



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