Karl Böhm blieb der jüngeren Publikumsgeneration in Erinnerung als bärbeißiger Eigenhold, der seine Künstler durch Boshaftigkeit schon mal zum Weinen bringen konnte, andererseits aber von ihnen geliebt wurde, weil er sie im Ernstfall sorgsam und sicher durch die Partitur trug. Geblieben ist der Ruhm seiner Strauss-Interpretationen, etwas verblasst ist hingegen sein Mozart, dessen Süffigkeit und Pathos heute nicht mehr von jedermann goutiert wird. Dass Böhm außerdem als Alban-Berg-Spezialist zu gelten hat, der seinen Zugang zu dessen Musik u. a. an Hand von persönlichen Begegnungen mit dem Komponisten entwickeln konnte, riefen bisher vor allem seine Studioaufnahmen von Wozzeck und Lulu (DG) gelegentlich in Erinnerung. Neuerdings jedoch wird der Eindruck, den man mittels dieser Produktionen von Böhms Berg-Auffassung gewinnen kann, aufschlussreich ergänzt durch die Live-Mitschnitte der beiden Opern von der Wiener Staatsoper: Ähnlich wie Böhms Wiener Wozzeck erweist sich auch seine Wiener Lulu von 1968 als im Vergleich zur Studioaufnahme wesentlich weniger "gefällig" (wenn man einem solchen Werk dieses Attribut überhaupt verleihen möchte): Die unbarmherzige Brutalität und Kälte, die Bergs Lulu-Partitur transportiert, kommt im hervorragend restaurierten Wiener Mitschnitt vom 16. Dezember 1968 vollkommen ungeschminkt zur Geltung; Szenen wie der grässliche Selbstmord des Malers jagen dem Hörer noch kalte Schauer über dem Rücken, während Böhm schon die Verwandlungsmusik zum nächsten Akt dirigiert. Für das Dauer-Unbehagen zeichnet Böhm mit seinem Zugriff auf den Orchesterpart verantwortlich: Als Botin permanent drohender neuer Scheußlichkeiten wälzt sich die instrumentale Ebene dahin; auch die Sänger scheinen sich dem Sog dieses unpersönlichen Geschehens nirgends entziehen zu können, sie bewegen sich wie Marionetten durchs Geschehen, einzig ihrer Triebnatur folgend.
Mit Anja Silja konnte Böhm über eine Lulu verfügen, deren darstellerische Leistung sich stärker als bei den anderen Interpreten dieser Aufführung vielleicht erst in der Zusammenschau mit der visuellen Sphäre erschließen würde; rein stimmlich gäbe bzw. gibt es sicher idealere Besetzungen für diese Rolle. Allerdings teilt sich auf Grund der Tatsache, dass hier eine szenische Darbietung festgehalten wurde, immer noch genügend von Siljas Gesamtleistung mit, um die Faszination ihrer Lulu-Adaption mehr als erahnen zu lassen. Unmittelbarer fesseln u. a. Hans Hotter (Schigolch) und Martha Mödl (Gräfin Geschwitz); sie und die anderen Sänger des hochkarätigen Ensembles stellen ihre vokalen Mittel rückhaltlos in den Dienst eines Ganzen, das nicht zuletzt auch durch die Regie Otto Schenks maßgeblich mitgeprägt wurde: Man würde einiges dafür geben, diese Aufführung auch sehen zu können!

Michael Wersin, 06.11.2004



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