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Kurt Hessenberg

Orchesterkonzert op. 18, Sinfonie Nr. 2

Slowakisches Radiosinfonieorchester, Leland Sun

Cassandra Records 8 05412 02012 3
(65 Min., 3/2000) 1 CD

Frau Musica ließ und lässt sich bekanntlich gerne (oder auch widerwillig) politisch missbrauchen - feiner ausgedrückt: instrumentalisieren. Für die NS-Zeit heisst es dann entschuldigend: Musik im allgemeinen, Musiker und Komponisten im besonderen sind "unpolitisch" und wollen doch nur ihren hehren Beruf ausüben - fern aller weltlichen Verstrickungen. Und schon hat man die argumentativ verfahrenen "Fälle" Strauss, Furtwängler, Böhm, Karajan etc.
Eine Nummer kleiner im öffentlichen Aufsehen kommt jetzt Kurt Hessenberg daher. Ganz unbekannt ist der 1908 in Frankfurt geborene, in Leipzig ausgebildete, 1994 verstorbene Frankfurter Komponist und Hochschullehrer nicht. Aus seinem fast alle Gattungen umfassenden Werk sind einige wenige Chor- und Orgelwerke sowie die "Lumpenlieder" (siehe Rezension) auf CD zu haben, auch existieren kleinere Lexikoneinträge. Und: Fred K. Priebergs Kompendium über "Musik im NS-Staat" erwähnt ihn.
Da liegt denn auch der Haken, denn Hessenberg erhielt 1940 den ersten Nationalen - und das bedeutete damals - den Nationalsozialistischen Kompositionspreis. Das (vorbildlich ausgestattete) Beiheft der neuen, erstmals Orchestermusik umfassenden Hessenberg-CD informiert nicht nur über den nahezu Vergessenen, es ergeht sich leider auch im Tonfall jener "unpolitischen" Verteidigung. Das ist ärgerlich, vor allem, wenn dem "Nachkriegsdeutschland" eine "typische Überempfindlichkeit gegenüber dem Dritten Reich" bescheinigt wird, die Hessenbergs Ansehen nach 1945 so geschadet habe!
Natürlich ist es lächerlich, musikalische Werke aus Gründen der "political correctness" zu verurteilen, nicht minder lächerlich aber ist es, so zu tun, als lebten Komponisten nicht in dieser, sondern nur in ihrer Welt der Töne. Um so befremdlicher das Bemühen der Beiheft-Verfasser, der zweiten Sinfonie von 1943 das Programm einer "qualvollen", "ganz persönlichen Kriegserfahrung" des Komponisten zu unterstellen - quasi als postumer Ersatz für Hessenbergs fehlendes politisches Bewusstsein. Das scheint mir nicht nur ästhetisch verfehlt - von exzessiven Qualen ist dem Werk wenig zu entnehmen -, das erscheint mir auch ein unnötiges Zugeständnis an die politische Korrektheit.
Doch lassen wir das "Außermusikalische". Beide hier erstmals eingespielten Werke wecken Neugier auf weitere. Das ging auch Furtwängler so, dem renommiertesten Förderer Hessenbergs, der die Sinfonie im Dezember 1944 im Berliner Admiralspalast mit seinen Philharmonikern uraufführte. Hessenbergs Stil ist einerseits eklektisch, verknüpft andererseits die verschiedensten Einflüsse - von Bach bis Hindemith - auf konzise, eigentümliche und stets Aufmerksamkeit fordernde Art. Das gilt vor allem für die zweite Sinfonie mit ihren Bruckner-Zitaten im ersten, Brahms- und Hindemith-Anklängen im letzten Satz: hier steht - im Unterschied zu dem "spröden", als Concerto grosso konzipierten Orchesterkonzert - nicht das Gelehrt-Handwerkliche im Vordergrund; diese Kunst der Renaissance neobarock-kontrapunktischer Formen und ihrer Verknüpfung mit einer gemäßigt-freitonalen Musiksprache beherrschte Hessenberg nicht weniger als die berühmteren Zeitgenossen.
Was den Hörer vielmehr "bei der Stange hält", ist Hessenbergs ausgeprägter Sinn für das Sinfonische, für eine klangfarbenreiche Orchesterbehandlung und satzübergreifende Spannungsbögen. Auch wenn das Slowakische RSO mitunter etwas zaghaft agiert und manches kontrapunktische Geflecht unterbelichtet lässt, so tut das der gelungenen Pioniertat des jungen amerikanischen Dirigenten Leland Sun keinen Abbruch. In jedem Fall darf man auf weitere Hessenberg-Erfahrungen gespannt sein. Nur bitte keine "unpolitischen" Entschuldigungen mehr.

Christoph Braun, 18.07.2002



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