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Frederic Mompou

Sämtliche Klavierwerke

Josep Colom

Mandala/Helikon Harmonia Mundi 5021/24
(2/1992, 3/1992, 6/1992) 4 CDs

Als Federico Mompou (1893-1987) sechzehn war, begann er Klavierstücke zu schreiben, die er später unter dem Titel "Impresiones intimas" veröffentlichte. Es war die Zeit, in der halb Europa Debussy und Ravel vergötterte und verwässerte. Der junge Komponist aus Barcelona aber ging in einer fast unfasslichen Abkapselung durch diese Zauberwelt des musikalischen Paris der Belle Époque und der Nachkriegszeit, kannte Ravel, Albéniz und de Falla und ließ deren Musik doch nicht an sich heran.
Mompous frühgereifte Fantasie gleicht einem abgeschlossenen Raum, durch dessen schmale Fenster allenfalls ein ferner Widerhall dringt. Mompous Schaffen selbst entzieht sich allen Vorstellungen künstlerischer Entwicklung. Die "Impresiones" enthalten schon den ganzen Mompou, dessen Stil sich bis zum letzten Buch der "Música callada" (1967) nicht grundsätzlich ändern wird.
Mompous Sprache kommt mit wenigen Noten aus. Jene Fragmente, die von außen eindringen - die Kinderlieder, die Glockenklänge und katalanischen Tanzrhythmen -, erstarren in langsamen, gezirkelten Bewegungen quasi kultischen Tanzes. Fast immer sehr kurz, fast immer leise verwandelt Mompou konventionelle Tonfolgen in kristalline Bildungen von der Konzentration eines symbolistischen Gedichtes, die sich aus jeder Bindung an Zeit und Stil losmachen.
Nicht nur der Analyse und historischen Einordnung, schon der Vorstellung von Interpretation scheint sich diese Musik zu entziehen. Man kann sie als "Soundtrack" melancholischer Abende, als gehobene Cocktailbar-Beschallung missdeuten. Doch wird dieses schmale, erlesene Werk wirklich interpretatorisch befragt, fächert es sich in sehr eigenständige Stil-Perspektiven auf.
Am beliebtesten und pianistisch dankbarsten ist der über Folklore meditierende Mompou der "Cancións y danzas". Hier finden sich auch vitale, motorische Episoden, die fern an Albéniz' "Iberia" erinnern. Alicia de Larrochas Aufnahme dürfte hier unübertroffen sein. Ein anderer Weg führt in die magisch-ernste Welt kindlichen Spiels. Wie schwer diese von Mompou eigenartig sicher erfühlte Kindersprache pianistisch zu übersetzten ist, lässt eine Vortragsanweisung ahnen: "Chantez avec la fraîcheur de l'herbe humide" (zu singen mit der Frische feuchter Kräuter). Josep Colom gelingen diese Kinderzyklen anrührend; er spielt fast ängstlich behutsam, und ein noch so geringes Innehalten, eine Dolce-Lichtstrahl wirkt und schafft diesen Tonfall kindlichen Erstaunens über etwas Schlichtes, Schönes, ohne das zarte Gefüge emotional zu überdehnen.
Doch interpretatorisch weitaus schwieriger bleibt die bannende Statik von Mompous magischen Zyklen, den "Cantos mágicos", den "Charmes" und schließlich dem monumentalen Skizzenbuch der "Música callada": Einzelne Klänge, Figuren aus der Stille geholt, in der sie sich wieder verlieren. Der Spieler gleicht hier einem reglosen Medium, durch das Mompou seine beschwörenden Monologe spricht. Alicia de Larrocha (ihr ist das vierte Buch der "Música" gewidmet) oder auch Jordi Masó (Naxos) mögen perfekter pedalisieren und farbigere, delikatere Klänge formen. Josep Coloms Sicht ist herber, er neigt zu schärferen Kontrasten und hebt das notorische Mezzoforte schon gelegentlich ins Forte. Die Satz-Kargheit Mompous wird eher noch betont.
Aber Colom beherrscht die Kunst der unrhetorischen Pausen meisterlich, erzeugt diesen ungeheuerlichen Stillstand der "Música callada", in dem die formelhaften, rätselhaft beschwörenden Figuren auftreten. Diese Stücke zählen sicherlich zu den seltsamsten Tonschöpfungen der Literatur. Coloms uneitle und spröde Interpretation findet sehr eindringlich Anmut wie Bitternis in dieser Musik der Einsamen und Autisten.

Matthias Kornemann, 13.09.2001



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