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Pietro Locatelli

Concerti grossi op.1

Freiburger Barockorchester, Gottfried von der Goltz

harmonia mundi france HMC 901889
(61 Min., 12/2004) 1 CD

Auf den Namen Locatelli stößt unweigerlich, wer in der Vorweihnachtszeit einen Plattenladen betritt und dabei die Stapel der barocken Weihnachtskonzert-Lieferanten aus Italien vor sich hat. Beim Hören wird er allerdings feststellen, dass Locatellis f-Moll-Beitrag im Vergleich etwa zu demjenigen Corellis oder Manfredinis von gleichsam intimer wie herb-düsterer Zurückhaltung ist und erst in der F-Dur-Wendung gegen Schluss zur typisch beschaulichen Hirtenpastorale mutiert. Auch sonst weisen die 1721 in Amsterdam publizierten zwölf Concerti grossi op. 1, von denen das Freiburger Barockorchester neben jenem "Pastorale"-Konzert fünf weitere Beiträge eingespielt hat, einige Überraschungen auf. Das gilt vor allem für manche harmonische Rückung, die so gar nicht ins geläufige Tonartenschema passt; das gilt aber auch für die dunklere, samtenere Klangfarbe, die Locatelli dem Concertino-Part beimischte, als er dessen übliche Trio-Besetzung mit zusätzlichen Violen zum Quartett oder Quintett erweiterte.
Auch hierin scheint der Schüler seinem ehemaligen römischen Lehrer Corelli, der sieben Jahre zuvor seinen berühmten Zwölferpack des op. 6 veröffentlicht hat, bedeuten zu wollen: Was du geschaffen hast, und was ich von dir gelernt habe, ist schön und gut, doch jetzt bricht eine neue Zeit an - mit mir! Solches Selbstbewusstsein konnte Locatelli vor allem mit seinem revolutionär-virtuosen Violinspiel begründen. Dass dieses allerdings noch nicht so spektakulär im op. 1 zur Geltung kommt, muss den Hörer nicht weiter kümmern (allenfalls der Werbeslogan vom "barocken Paganini" führt ihn etwas in die Irre, denn das Schlagwort hat erst in den zwei Jahre später publizierten Caprici op.3 seine volle Berechtigung). Denn der Primarius der Freiburger, Gottfried von der Goltz, kann auch hier, mit dem wahrlich nicht bescheidenen Material des op. 1, trefflich glänzen und seine Elitetruppe zu jener mustergültigen, höchst lebendigen Klangrede animieren, für die das Ensemble seit nunmehr 20 Jahren garantiert. Könnte einem sonst leicht - bei der Aufeinanderfolge von 27 barocken Sätzen - ein müder Seufzer entweichen, so fesseln einen die Freiburger unentwegt mal mit ihrem sinnlich-warmen Timbre, mal mit ihrem Furor und Präzisionsfanatismus - ganz so, wie es ihre englische Eigenwerbung formuliert: "A unique combination of pep and perfection."

Christoph Braun, 24.11.2006



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