home

N° 1223
16. - 22.10.2021

nächste Aktualisierung
am 23.10.2021



Responsive image
Johann Caspar Kerll

Geistliche Werke

Johann Rosenmüller Ensemble, Arno Paduch

Christophorus/Note 1 77249
(76 Min., 10/2001) 1 CD

Der Romantiker hält dem Barockmusikfan in mir gerne vor, dass meine gepuderten Lieblingskomponisten so wenig von sich erzählen. Gewiss, die menschlichen Affekte hätten sie durchaus beeindruckend durchdekliniert. "Doch wo", fragt er, "ist das Individuum unter dieser wallenden Allongeperücke? Konnte dieser Mann weinen? Oder sagt er in seinen Werken nur 'Ich weine'? Wo hört man seinen Alltag? Seine Wut über verlorene Groschen, seine Angst vor der Pest? Und warum klingt selbst barocke Kriegsmusik immer so putzig?"
Statt einer Antwort reiche ich dem Querulanten stumm diese CD mit der 1683 entstandenen "Missa in fletu solatium obsidionis Viennensis" von Johann Kaspar Kerll (auf deutsch: "Messe zum Trost in der Wehklage über die Belagerung Wiens"). Zum Kyrie ernte ich noch spöttisches Lächeln. "Die müssen die Ruhe weg gehabt haben. Die Türken vor Wien, der größte Schock des christlichen Abendlands, und du willst mir diese ruhigen Einsätze und das bisschen chromatische Geschraube als Bitte um Erbarmen verkaufen! Wenn der Altus nicht so viel Emotion in der Stimme hätte - ich würde sanft wegdämmern. Und jetzt das Ganze auch noch plötzlich im Dreiertakt: soll das etwa barocker Ausdruckstanz auf dem Vulkan sein?"
Ich lasse den Guten noch bis ins Gloria hinein über die überlegte und geschmückte Architektur des Stücks granteln, wohl wissend, dass ihm der Komponist ausgerechnet im "Amen" den harmonischen Grund unter den Füßen wegziehen wird. Das ist aber auch ein jämmerliches Angstgeschrei! Die doppelt gegenläufigen chromatischen Bewegungen nehmen uns beiden für einen Moment alle Orientierung. Noch einmal bricht es aus Meister Kerll hervor, dann findet er wieder die Fassung und wird sie auch über die weiteren Motetten und Instrumentalstücke der CD im wesentlichen behalten.
Anerkennendes Nicken des Romantikers. "Kerll hätte noch mehr solche Messen schreiben sollen". Mit dem körperlichen, engagiert sprechenden Ansatz der Interpretation sind wir beide zufrieden. Eine versierte, musikantische Formation, dieses Ensemble. Nur die stärker besetzten Stücke wünschte ich mir durchhörbarer, und mit weniger Hall. Wegen Kerlls gediegenen Kontrapunkts. Aber der ist dem Romantiker ja egal.

Carsten Niemann, 11.07.2002



Diese CD können Sie kaufen bei:

Als JPC- und Amazon-Partner verdienen wir an qualifizierten Verkäufen


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.


CD zum Sonntag

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Der Beginn ist bekanntlich eine sehr delikate Phase. Womit also fängt man an, als junges Klaviertrio, die ersten Schritte machend auf dem diskografischen Karriereweg? Das Silver Trio hat für sein Album-Debüt Beethoven, Rachmaninow und Bernstein ausgewählt. Eine durchaus merkwürdige Kombination, nicht weil man Musik verschiedener Epochen nicht auf einer CD vereinen dürfe – ganz im Gegenteil, so machen es viele Ensembles teils mit großem Erfolg. Da einem aber irgendwie keine Verbindung […] mehr


Abo

Top