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Johann Caspar Kerll

Geistliche Werke

Johann Rosenmüller Ensemble, Arno Paduch

Christophorus/Note 1 77249
(76 Min., 10/2001) 1 CD

Der Romantiker hält dem Barockmusikfan in mir gerne vor, dass meine gepuderten Lieblingskomponisten so wenig von sich erzählen. Gewiss, die menschlichen Affekte hätten sie durchaus beeindruckend durchdekliniert. "Doch wo", fragt er, "ist das Individuum unter dieser wallenden Allongeperücke? Konnte dieser Mann weinen? Oder sagt er in seinen Werken nur 'Ich weine'? Wo hört man seinen Alltag? Seine Wut über verlorene Groschen, seine Angst vor der Pest? Und warum klingt selbst barocke Kriegsmusik immer so putzig?"
Statt einer Antwort reiche ich dem Querulanten stumm diese CD mit der 1683 entstandenen "Missa in fletu solatium obsidionis Viennensis" von Johann Kaspar Kerll (auf deutsch: "Messe zum Trost in der Wehklage über die Belagerung Wiens"). Zum Kyrie ernte ich noch spöttisches Lächeln. "Die müssen die Ruhe weg gehabt haben. Die Türken vor Wien, der größte Schock des christlichen Abendlands, und du willst mir diese ruhigen Einsätze und das bisschen chromatische Geschraube als Bitte um Erbarmen verkaufen! Wenn der Altus nicht so viel Emotion in der Stimme hätte - ich würde sanft wegdämmern. Und jetzt das Ganze auch noch plötzlich im Dreiertakt: soll das etwa barocker Ausdruckstanz auf dem Vulkan sein?"
Ich lasse den Guten noch bis ins Gloria hinein über die überlegte und geschmückte Architektur des Stücks granteln, wohl wissend, dass ihm der Komponist ausgerechnet im "Amen" den harmonischen Grund unter den Füßen wegziehen wird. Das ist aber auch ein jämmerliches Angstgeschrei! Die doppelt gegenläufigen chromatischen Bewegungen nehmen uns beiden für einen Moment alle Orientierung. Noch einmal bricht es aus Meister Kerll hervor, dann findet er wieder die Fassung und wird sie auch über die weiteren Motetten und Instrumentalstücke der CD im wesentlichen behalten.
Anerkennendes Nicken des Romantikers. "Kerll hätte noch mehr solche Messen schreiben sollen". Mit dem körperlichen, engagiert sprechenden Ansatz der Interpretation sind wir beide zufrieden. Eine versierte, musikantische Formation, dieses Ensemble. Nur die stärker besetzten Stücke wünschte ich mir durchhörbarer, und mit weniger Hall. Wegen Kerlls gediegenen Kontrapunkts. Aber der ist dem Romantiker ja egal.

Carsten Niemann, 11.07.2002



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