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Anton Bruckner

Sinfonie Nr. 9

Concertgebouw-Orchester Amsterdam, Riccardo Chailly

Decca 455 506-2
(70 Min.) 1 CD

Eine herbe Enttäuschung. Ich hätte nicht erwartet, dass Riccardo Chailly, der mehr als passable Interpretationen der frühen Bruckner-Sinfonien vorgelegt hat, mit einer derart spannungsarmen Aufnahme von Bruckners finalem Meisterwerk aufwarten würde. Gewiss, die Orchesterleistung ist nicht zu kritisieren, auch gelingt es Chailly, einige sonst kaum zu vernehmende Mittelstimmen zum Leben zu erwecken, aber die geradezu bestürzende Schroffheit und Modernität des Werks bleibt völlig auf der Strecke.
Dass Bruckner in seiner Neunten harmonisch weiter ging als all seine Zeitgenossen, im katastrophischen Höhepunkt des Adagios gar die Grenzen der Tonalität sprengte, all dies wird in Chaillys Interpretation in keinem Takt vernehmbar. Dabei lässt doch die Kopplung, Bachs sechsstimmiges Ricercare aus dem “Musikalischen Opfer”, orchestriert von Anton Webern, eigentlich annehmen, Chailly sei sich der zukunftsweisenden Dimension von Bruckners Polyphonie bewusst. Doch die schroff zerklüfteten Spannungsbögen und harmonischen Reibungen des Kopfsatzes, die innere Verzweiflung, von der die zahlreichen Steigerungswellen geprägt sind, erklingen bei Chailly viel zu domestiziert, jeglicher Dramatik und auch innerer Notwendigkeit beraubt. Und ganz gleich, ob man das gespenstische Scherzo nun als Totentanz oder als Vorahnung einer unmenschlichen Maschinenmusik deuten mag - der rustikale Tanz auf dem Heuboden, den Chailly aus ihm macht, ist es jedenfalls nicht. Am besten gelingt Chailly noch das Adagio, woran das vorzügliche Concertgebouw-Orchester keinen geringen Anteil hat.

Thomas Schulz, 30.04.1997



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