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Anton Bruckner

Sinfonie Nr. 8 (Fassung Robert Haas)

Wiener Philharmoniker, Pierre Boulez

Deutsche Grammophon 0 28945 96782 0
(76 Min., 9/1996) 1 CD

Da hat man sein (oft bestätigtes) Vorurteil vom kühl-nüchternen Analytiker parat und kann es nicht anbringen! Gewiss: Pierre Boulez offenbart sich auch bei seiner ersten Bruckner-Einspielung als hellhöriger Partiturdurchleuchter, der jeder Stimme, jeder Phrase nachspürt. Aber dieser Zugriff auf das Opus summum der Gattung Sinfonie ist kein nüchtern seziererischer. Über aller Detailtreue thronen Klangpracht und große Gestik: Soviel Romantik ist außergewöhnlich, irritierend für jeden Boulez-Fan, der sich etwa an dessen Bayreuther Parsifal erinnert. Ist der ehemalige Pariser Bürgerschreck auf seine alten Tage hin fromm geworden? Die Schlagworte vom Mystischen, Transzendenten jedenfalls, die man Bruckners größtem Werk andichtet, Boulez zelebriert sie geradezu.
Also alles bestens? Wer lieber Strukturen, Zusammenhänge, Bruckners formale kompositorische Meisterschaft verfolgen möchte, der wird weitgehend enttäuscht. Stattdessen: (wunder-)"schöne Stellen", Klangopulenz, subjektive Temposchwankungen und große Ritardandi vor den Höhepunkten. (Wie eine "objektive" stringente Formentfaltung dieser gigantischen Achten sich anhört, zeigt etwa die eminent straffe, antischwelgerische Bruckner-Exegese Hans Rosbauds).
Was also nun, pro oder kontra? Ich muss es bei einem sowohl als auch belassen. Auf jeden Fall aber ein pro für die fabelhaften Wiener Philharmoniker. Und eines für die Ehrlichkeit Boulez’, der gestand, er habe bei seinem Bruckner-Abstecher im Allerheiligsten, dem Chorherrenstift St. Florian, weit mehr vom Orchester gelernt als dieses von ihm.

Christoph Braun, 06.07.2000



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