Responsive image
Anton Bruckner

Sinfonie Nr. 1 c-Moll (Linzer Fassung)

Chicago Symphony Orchestra, Georg Solti

Decca 448 898-2
(47 Min.) 1 CD

Vor wenigen Jahren erst hat der schier alterslose Musik-Dämon Solti den undämonisch-vertrackten Sinfoniker aus Oberösterreich für sich entdeckt, und er hat sich in seiner langen Karriere längst die Autorität erworben, der Musikwelt mit vierundachtzig noch seine eigene, sehr originelle Bruckner-Auffassung vorlegen zu können: Einen Bruckner ohne Weihrauch und religiöse Entrückung, ohne feierlichen Prozessions-Charakter und ohne die endogenen Ekstasen der kontrapunktischen Metaphysik, sondern als geradlinigen, ausdrucksstarken und gefühlssicheren großen österreichischen Sinfoniker zwischen Schubert und Mahler.
Nach den Sinfonien 2, 3 und 8 hat Solti mit seinen Ausnahme-Musikern aus Chikago nun auch die lange verpönte Erste in der frühen Linzer Fassung vorgelegt, und auch hier besticht er durch den neuartigen, prall-sinnlichen, emotional-offenen Bruckner-Klang und durch seine flüssigen, über weite Strecken fast dramatisch pulsierenden Tempi. Derart „unter Feuer gesetzt" und aus der geweihten Umgebung ins grelle Rampenlicht einer weltlichen Bühne versetzt, erfährt Bruckners Ästhetik eine merkwürdige Wandlung vom Weihevoll-Entrückten zum Handfest-Vordergründigen, ja fast zu einem klassizistischen Architekten triumphal-prunkvoller Klangbilder und Fassaden, und damit zu einem fast authentischeren Gestalter des imperialen Zeitgeistes als manch anderer „profaner" Komponist seiner Ära.

Attila Csampai, 31.03.1996



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Darm mit Charme: Auf dem Buchmarkt hat unser Verdauungstrakt schon vor einigen Jahren seine marketingverbauschte Renaissance gefeiert. Stimmt es, dass dieses hochkonzentriert von Nerven durchsetzte Organ in der Evolution die Leistungen des später ausgebauten Gehirns mit der Intelligenz des Gefühls vereinte? In der Alten Musik ist der Darm bereits völlig ekelfrei in aller Munde: als Darmsaite. Dazu wird nach der Schlachtung von meist Schafen und Lämmern der Darm gewendet, von Schleimhaut und […] mehr »


Top