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Robert Schumann, Joseph Haydn, Franz Schubert, Tan Dun, Frédéric Chopin, Franz Liszt

Lang Lang Live At Carnegie Hall

Lang Lang, Lang Guo-Ren

Deutsche Grammophon/Universal 073 0989
(142 Min., 7/2003) Region Code 0, Format 16:9

Wer diese DVD samt ihren Extra-Features ansieht, wird von Lang Langs Carnegie Hall-Debüt zwangsläufig einen ganz anderen Eindruck bekommen als derjenige, der dieses Konzert vor dem CD-Spieler erlebt hat. Als die CD-Version erschien, reagierte die Fachpresse teilweise eher verhalten: An Lang Langs stupender Virtuosität als solcher gibt es selbstverständlich nichts auszusetzen, aber wie stellt er sie in den Dienst der interpretierten Stücke? Erhalten die Abegg-Variationen, Haydns C-Dur-Sonate und Schuberts Wandererfantasie unter Lang Langs Händen nicht eine Hochglanz-Politur, eine brillant funkelnde Oberfläche, die den Stücken so nicht entspricht? Tatsächlich scheint etwa die blitzsaubere Trennung der einzelnen Noten selbst im aberwitzigsten Tempo eines der Grundanliegen von Lang Langs makelloser Klaviertechnik zu sein, und so rieselt, perlt oder knattert alles Passagenwerk mit einer glasklaren Durchsichtigkeit dahin, die z. B. der bisweilen auch verhangenen oder doppelbödigen Atmosphäre bei Schumann nicht entspricht: Übergroße Fingerfertigkeit verhindert interpretatorische Tiefe, ein Vorwurf, dem sich nicht nur Lang Lang, sondern auch viele andere Klavierwunder der letzten Jahrzehnte zu stellen hatten.
Dann das DVD-Erlebnis: Man sieht einen 22 Jahre jungen Chinesen, der nicht nur das reibungsfreie Funktionieren seiner Motorik genießt, sondern die Musik beim Spielen auch mit einer schwärmerisch-exaltierten Mimik und Gestik mitempfindet - kann das Show sein? Wohl kaum. Man hört ihn im Interview vor dem Konzert zugeben, er sei sehr aufgeregt und stellt dann überrascht fest, dass er sich auf dem glatten Parkett der Carnegie Hall so entspannt bewegt wie in seinem Wohnzimmer: Abgebrühtheit oder Unbefangenheit? Im Zugabenteil bringt er dann seinen noch jugendlich wirkenden Vater - auch er ein bemerkenswert natürlich und sicher wirkender Mann - mit auf die Bühne. Der Vater spielt, begleitet von seinem Sohn, erstaunlich virtuos auf einer Art chinesischen Violine mit nur zwei Saiten (erhu). Anschließend, in den Extra-Features, erweitert sich der Horizont: Lang Lang berichtet über seine Kindheit in China und über die Entbehrungen, die die Familie zu Gunsten der Ausbildung des Sohnes in Kauf nehmen musste. Man sieht Videoaufnahmen von ihm, wie er mit fünf, halb vor dem Klavier stehend, überaus ernsthaft Chopin interpretiert, man erlebt ihn als 13-Jährigen beim Warschauer Chopin-Wettbewerb und als Erwachsenen beim Auftritt in einer amerikanischen middle school, wo er in der überfüllten Aula auf einem zerdroschenen Flügel für die Schulkinder genauso leidenschaftlich spielt wie beim Carnegie-Hall-Debüt und einige Schüler ermutigt, selbst etwas zu spielen. Persönlicher Einsatz für die Popularisierung von traditioneller Kultur oder bloß ein Publicity-Gag? Jedenfalls kann man dem Gesamt-Phänomen Lang Lang nicht beikommen, indem man sein Schumann-Spiel mit demjenigen von Haskil oder Demus vergleicht; diesem jungen Chinesen, der auf Konzertreisen immer seine Großfamilie im Schlepptau hat, mangelt es sicher hier und da noch an Reife und interpretatorischem Tiefgang, aber er ist ebenso sicher keine abgerichtete Marionette in der Hand eines geschäftstüchtigen Managements, und ihm stehen auf Grund seiner außerordentlichen Begabung musikalisch noch alle Möglichkeiten offen.

Michael Wersin, 06.11.2004



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