Nicole Cabell heißt die neue Diva des Labels Decca: Die Sopranistin, in deren Adern afroamerikanisches, koreanisches und kaukasisches Blut fließt, wurde 1977 in Kalifornien geboren und wuchs in dem California-Bay-Städtchen Ventura (benannt nach dem heiligen Bonaventura und in amerikanischer Manier komfortabel gekürzt) auf. Im Jahre 2005 gewann sie den englischen Wettbewerb "BBC Cardiff Singer of the World" – da ist sie nun und wird hoffentlich lange bleiben, denn ihre Stimme ist von sehr guter Qualität. Fabelhaft auch ihre Bühnenpräsenz, ein wenig zu satt für europäische Ohren gelegentlich vielleicht ihr Vibrato. Ihr Debütrezital beginnt sie mit einer opulenten, üppig strömenden Version des Musettewalzers aus Puccinis "Bohème", gefolgt von einer frühlingshaft frischen Darbietung von Gounods "Ah! Je veux vivre" ("Roméo et Juliette"). Damit und mit Puccinis "O mio babbino caro" oder Donizettis "Quel guardo il cavaliere" legt sie eine Repertoirelinie fest, bei der sie hoffentlich eine gute Weile bleiben wird, denn sie bringt ihre durchschlagskräftige und gut im Körper verankerte, aber doch auch eher leichte und im völlig freien Ausschwingen am angenehmsten sich entfaltende Stimme optimal zur Geltung. Das amerikanische Repertoire berührt Cabell mit Gershwins "Summertime" und Menottis "What a curse for a woman is a timid man" ("The old maid and the thief") – letzteres in jeder Hinsicht ein Paradestück für die engagierte Sängerdarstellerin, ersteres nicht unbedingt ein "must", denn für die farbige Nanny beim reichen Baumwollbauern hatte eine Sarah Vaughan doch einfach die überzeugendere Ausdruckspalette parat. Kraftvoll und offen in mittlerer bzw. tiefer Lage, durchaus strahlend, aber nicht immer vollkommen frei in der Höhe präsentiert sie Puccinis "Chi il bel sogno di Doretta" ("La Rondine"). Eine bemerkenswerte Stimme mit Zukunft ohne Zweifel, wenn sie denn weiterhin besonnen und verantwortungsvoll geführt wird. Hoffen wir das Beste.

Michael Wersin, 05.05.2007



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