Anders als Drew Minter auf seiner gleichnamigen CD von 1987 (harmonia mundi) beschränkt sich Andreas Scholl nicht auf Kompositionen von Georg Friedrich Händel für den Kastraten Senesino (ca. 1680 - 1759), sondern bezieht Werke von Albinoni, Porpora, Lotti und Alessandro Scarlatti mit ein. Und weil allein Händel 17 Partien für Senesino geschrieben hat, gibt es auch in diesem Bereich keine Überschneidungen der beiden Rezitals. Dennoch lohnt es, beide CDs vergleichend zu hören, denn sie porträtieren ja denselben Interpreten, dessen vergleichsweise tiefe Lage heute viele Countertenöre in Schwierigkeiten bringt, weil sie am unteren Ende der Skala ins Brustregister abrutschen. Dies passiert Andreas Scholl nicht, und auch Minter machte Senesinos Tessitura keine Schwierigkeiten. Minters Stärke ist sein helles, silbrig-irisierendes, gerade in der unteren Lage sehr wohlklingendes Timbre bei guter Koloraturfähigkeit; leider bietet sein Material - vielleicht aufgrund fehlenden Volumens - darüber hinaus keine großen Reserven für dramatische Effekte, sodass seine Darbietungen zwar immer von hohem ästhetischen Wert, im Falle erregterer Stücke aber oft nicht wirklich packend sind. Hier liegt Scholls Plus: In seinem Gesang verbinden sich ein unverwechselbar eigenes, ausgereiftes und schönes Timbre mit einem - gerade vor dem Hintergrund der Counter-Stimmlage - breitem Spektrum an gestalterischen Möglichkeiten, die er mit zunehmender Bühnenerfahrung mittlerweile noch gezielter und gewinnbringender einzusetzen weiß als früher. Man höre etwa die furiose Arie "Al lampo dell’ armi" aus Händels Giulio Cesare: In so tiefen stimmlichen Regionen kriegerische Effekte zu erzielen, ist für einen Counter wirklich kein Zuckerschlecken; Scholl gelingt es brillant - freilich um den Preis, das die Koloraturen auf dem Vokal A ein wenig ins Gackern geraten (Bartoli lässt grüßen, aufgepasst, Herr Scholl!). In "Dove sei, amato bene" aus Händels Rodelinda das Gegenteil: Butterweiche, intensiv geführte Legatolinien in ruhigem Tempo - auch hier ist Scholl in seinem Element, wenn er die einzelnen Phrasen auskostet, geradezu liebkost und schließlich das da capo expressiv ausziert. Kleinere Probleme gibt es allerdings hier und da mit der Intonation, und das scheint technische Ursachen zu haben. Scholls Stimme ist insgesamt, das sei keineswegs verschwiegen, schon einmal glatter und reibungsloser gelaufen. Hierin liegt der Wermutstropfen dieser ansonsten durchaus bravourösen Interpretationsleistung. Bleibt zu hoffen, dass Scholl, seit langem erfolgsverwöhnt, die Stimmhygiene nicht aus den Augen verloren hat.

Michael Wersin, 12.11.2005



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