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Anton Bruckner

Sinfonie Nr. 5

Münchner Philharmoniker, Christian Thielemann

DG/Universal 477 5377-2
(83 Min., 10/2004)

Alle waren begeistert, manche gar beglückt, Politiker wie Kritiker, Schickeria wie g‘standne Bajuwaren. Groß waren die Vorschusslorbeeren, groß der Bahnhof am Konzertabend und groß schließlich der Applaus. "Die Chemie stimmt": das war noch die kleinste Hymne, mit der man am 29. Oktober letzten Jahres die Inthronisation Christian Thielemanns als künftiger Chef der Münchner Philharmoniker feierte. Auch wer nicht unter den Auserwählten in der Philharmonie weilen und alles nur im TV nacherleben konnte, ließ sich gerne von der anderthalbstündigen Feier beeindrucken. Wozu neben den Protagonisten auf und vor der Bühne auch das Programm taugte, wurde doch Bruckners Fünfte zelebriert - sozusagen das "Hausopus" des Orchesters seit der Uraufführung der "Originalversion" 1935 durch Siegmund von Hausegger und Celibidaches Philharmonie-Eröffnung 50 Jahre später mit eben diesem Riesenwerk.
Nun kommt der CD-Mitschnitt hinterher mit diesem sozusagen die pure Klang-Wahrheit jenseits allen Event-Glamours und siehe da: soviel Bruckner-Bombast war selten! Sicher: die Chemie stimmte, die Philharmoniker zeigten sich in stupender, makelloser Verfassung (vor allem die Blechbläser) und der Eifer und die Konzentration, mit der man dem neuen Chef die Reverenz erwies, waren mit Händen zu greifen. Was aber vernimmt man jenseits dieser bewunderungswürdigen Spielkultur (die, wie der ortsansässige (zweite) Kaiser der Kulturhauptstadt Deutschlands einmal generell konstatierte, natürlich nur Voraussetzung, nicht schon Ergebnis eines gelungenen Orchesterkonzertes ist bzw. sein sollte)?
Zwar preist das booklet den "unglaublichen" Pianissimo-Beginn, den so allenfalls Karajan und Celibidache hinbekommen hätten. Doch was Thielemann in den gut 80 Minuten danach inszeniert, ist ein - weitgehend - dynamisch undifferenziertes, in den Tempi gänzlich verschlepptes Getöse, das selbst Karajan verschreckt hätte. Man vergleiche dagegen nur die vor ein paar Wochen erschienene Harnoncourt-Einspielung! Nahezu jedes Forte lässt Thielemann zum dreifachen Fortissimo ausbrechen, so dass man sich bald nach Inseln der mezzoforte-, piano- und pianissimo-Schattierungen sehnt. Dass diese dann - nach dem Motto: leiser muss auch langsamer sein - Formbewusstsein vermissen lassen, ist (einmal wieder) Thielemanns subjektiv-emotionalem Tempoverständnis geschuldet (das ihn zu Celibidache'schen Dimensionen verleitet und gut 15 (!) Minuten von seinem anderen großen Vorbild Furtwängler entfernt). Besitzt der Adagio-Choral zumindest ansatzweise noch Vorwärtsenergie, so zerbröselt der Rest in geradezu bräsiger Art. Was das "schnelle" Scherzo angeht, so spottet Thielemanns Tempowahl schlicht der Satzüberschrift. Hier erklingt kein mit Herzblut, Witz und Furor ausgestatteter Tanz, und im Trio ahnt man auch keine Mahler'sche Verlorenheitsvisionen (wie etwa bei Harnoncourt); hier donnert vielmehr ein pompöser preußischer Defiliermarsch vorbei. (Seltsamerweise assoziiert der Berliner per Booklet bei Bruckner denn auch endlose ostpreußische Alleen; warum aber - so ist nach diesem Scherzo zu ergänzen - mit Armeen?)
Dass Thielemann wie nur wenige Andere seiner Zunft die Kraft hat, Orgiastisches als solches hör- und spürbar werden zu lassen, wissen nicht nur seine Fans; hier lässt sich diese "bedingungslose" Kunst am Höhepunkt des Ganzen, dem Finale, miterleben. Allerdings muss die philharmonische Hundertschaft schon vor dem krönenden Ende so oft zum Fortissimo blasen, dass die Choral-Apotheose nach dem pathosgeschwängerten Dauergewitter der Doppelfuge nur noch eines versprechen kann: baldige Ruhe.

Christoph Braun, 19.03.2005



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