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N° 1272
24. - 30.09.2022

nächste Aktualisierung
am 01.10.2022



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Percy Grainger

In A Nutshell (Orchesterwerke)

City of Birmingham Symphony Orchestra, Simon Rattle

EMI 5 56412 2
(69 Min., 4/1990, 12/1996) 1 CD

Simon Rattle beweist mit dieser fulminanten Einspielung jedem, der es noch nicht wusste oder nicht wahrhaben wollte, dass Percy Grainger einer der originellsten Klangschöpfer dieses Jahrhunderts war. Ich schreibe mit Bedacht "Klangschöpfer", denn es ist vor allem das Gebiet der Klangfarbe, der Instrumentation, auf dem Grainger Bahnbrechendes, ja Unerhörtes leistete. Seine melodischen und harmonischen Einfälle gehen über das in seiner Zeit Übliche, etwa Frederick Delius, nicht wesentlich hinaus, wenn er sich überhaupt eigener Melodien bediente.
Grainger war ein genialer Arrangeur, der Werke sehr verschiedener Komponisten ebenso bearbeitete wie Volkslieder vor allem des angelsächsischen Raums. Doch durch seine Bearbeitungen hauchte er seinen Vorlagen ein völlig neues Leben ein. So setzte er Debussys "Pagodes" (aus den "Estampes") für ein Ensemble aus Harmonium, Klavieren, Stabspielen und Schlagzeug und verwandelt so den asiatischen Tempel in ein Aquarium mit Neonbeleuchtung. Hinreißend!
Oder die Suite "Lincolnshire Posy". Manch einer mag sich durch die Besetzungsangabe "for Military Band" (Militärkapelle!) instinktiv abgestoßen fühlen, doch was Grainger aus dem Bläserensemble an teils skurrilen, teils äußerst filigranen Klangfarben herausholt (und was die Bläser aus Birmingham daraus machen!) ist schlichtweg phänomenal. Die Volkslieder, die dem sechssätzigen Werk zugrunde liegen, bilden lediglich das melodische Fundament - die Basis für Charakterstudien, in denen nicht nur der Gehalt des jeweiligen Liedes, sondern auch der Vortragsstil des Sängers, durch den Grainger es kennengelernt hat, festgehalten wird. Graingers Hauptwerk schließlich, die Ballettmusik "The Warriors" für ein Orchester mit drei Klavieren, nähert sich durch seine Mehrschichtigkeit das Stück erfordert zwei Dirigenten - an einigen Stellen der Collagetechnik Charles Ives’ an.
Simon Rattles Aufnahme hat den Vorteil, dass sie einige von Graingers wichtigsten und substanzreichsten Kompositionen gebündelt präsentiert. Wer den ganzen Grainger sein eigen nennen will, muss auf die Komplettierung des Zyklus unter Richard Hickox bei Chandos warten, als Einstieg jedoch eignet sich diese CD bestens und dürfte zudem klanglich wie interpretatorisch kaum zu übertreffen sein. Die Entdeckung lohnt sich! Schade nur, dass die Plattenfirma gar nicht damit zu rechnen scheint, dass ein Deutscher sich für diese CD interessieren könnte, denn das Beiheft enthält nur einen englischen Text.

Thomas Schulz, 01.05.1997



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