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Robert Schumann

Die vier Sinfonien

Cleveland Orchestra, George Szell

Masterworks Heritage/Sony
(136 Min., 10/1958, 3/1960, 10/1960) 2 CDs, ADD, aufgenommen in Cleveland

Ohne die Aufbauarbeit ungarischer Dirigenten hätte die Orchesterkultur der USA in diesem Jahrhundert bestimmt nicht jenen Aufschwung genommen, der ihr bis heute die Gleichrangigkeit, wenn nicht gar eine spieltechnische Überlegenheit gegenüber den europäischen Traditionsorchestern gesichert hat: Ohne die "hungarian connection" Fritz Reiner, George Szell, Eugene Ormandy, Antal Doráti und Georg Solti sähen auch die Archive der großen amerikanischen Labels anders aus, denn alle fünf Budapester waren als Präzisionsfanatiker Wegbereiter der modernen stereophonen Aufnahmetechnik und haben die goldene Ära der Langspielplatte mit einer unübersehbaren Zahl von bedeutsamen Einspielungen bereichert, die jetzt, im Zuge der Rückbesinnung der großen Plattenfirmen auf ihre älteren Bestände, auch einem jüngeren Publikum das größtenteils hochwertige interpretatorische und akustische Niveau ihrer frühen High-Fidelity-Taten in exzellenten CD-Umschnitten vermitteln können.
Zu diesen großen Musikerziehern Amerikas zählt der 1897 in Budapest geborene George Szell, der nach dem Zweiten Weltkrieg das Orchester von Cleveland übernahm und es in einer fünfundzwanzigjährigen "goldenen Ära" zu einem der weltweit führenden Präzisions-Klangkörper formte. Einen seiner zahlreichen diskografischen Meilensteine mit diesem Orchester setzte Szell im Jahr 1960 mit der ersten Stereo-Kompletteinspielung der vier Sinfonien Robert Schumanns, eines damals in den USA kaum bekannten Komponisten, den man aber nicht nur dort als Sinfoniker sträflich unterbewertet hatte.
Diese bei Sonys "Masterworks Heritage" wiederveröffentlichte Pioniertat Szells hat bis heute nichts von ihrer Wärme, ihrem Zauber, ihrer jugendlich-keuschen Emphase für den, wie Szell befand, "größten Komponisten der Romantik" eingebüßt, auch wenn Szell damals, in bester Absicht, einiges im Orchestersatz Schumanns retuschierte, um ihn, so Szell, näher an Webers Klangideal zu rücken und "weiter weg von Richard Strauss".
Anlässlich des damals anstehenden hundertfünfzigsten Geburtstags von Schumann ließ Szell, ein hochgebildeter, intellektuell stets brillanter Budapester, es sich nicht nehmen, in der "New York Times" eine Ehrenrettung für den unterschätzten Romantiker zu publizieren, und erfreulicherweise ist diese wunderbare kleine Streitschrift im aufwendig gestalteten Beiheft der neuen Edition komplett abgedruckt. Heute kann man sich nur wundern, welcher Überzeugungsarbeit und welchen Engagements es mehr als hundert Jahre nach Schumanns Tod noch bedurfte, um ihn endgültig vom Ruf eines mäßigen Sinfonikers zu befreien. Schon aus diesem Grund, weil sie den längst fälligen Wandel der Schumann-Rezeption einläutete, darf auch Szells klingendes Schumann-Plädoyer in keiner guten Klassik-Sammlung fehlen.

Attila Csampai, 01.02.1998



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