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Marc-Antoine Charpentier

Le malade imaginaire

Monique Zanetti, Rime, Brusa, Dominique Visse u.a., Les Arts Florissants, William Christie

harmonia mundi HMX 290 1887.88
(90 Min., 4/1990) 2 CDs

Armer Polichinelle! Vor lauter Liebeskummer kann er nicht mehr schlafen und nichts mehr essen. Und kaum hat er sich mit einem kräftigen Schluck Mut angetrunken und seine Stimme geölt, um seiner Angebeteten endlich ein nächtliches Ständchen zu bringen, bekommt er gleich eins drauf. Da kann Polichinelle noch so sehr um Gnade jammern und winseln, mit englischem Einschlag fragen: "Qu'ai-je fait?" - die vergnügungssüchtige Nachtgesellschaft ist unbarmherzig und versetzt ihm Nasenstüber, dass es nur so kracht. Geschlagene 13 Mal! Ein bisschen Mitleid hat man durchaus mit diesem Tropf. Doch das Vergnügen überstrahlt dann doch um ein Vielfaches diese herrliche Commedia-dell'Arte-Szene, bei der sich ein Sängerquartett den Schauspieler Alain Trétout vorknöpft. Und zwar innerhalb der Schauspielmusik von Marc-Antoine Charpentier, die nicht zuletzt die Umbaupausen von Molières "Der eingebildete Kranke" verkürzen sollte. Was sich da vor über 300 Jahren für ein Dreamteam zusammengetan hatte, um die Bühnenbretter und Lachmuskeln zu beanspruchen, war bis 1990 vollkommen unbekannt. Bis William Christie kam und eine Weltersteinspielung von "Le malade imaginaire" vorlegte, die bis heute immer noch schlechthin das Allheilmittel gegen jeden Anflug von Depression und Melancholie ist.
327 Jahre nach der Pariser Uraufführung hatte Christie dafür eine stimmschauspielerisch unübertreffliche Compagnie zusammengestellt, um die lose mit Molières Stück verknüpften Zwischenmusiken mit gauklerischem Esprit und musikantischem Glanz und Gloria wieder zu beleben. Da wackelt Countertenor Dominique Visse als zahnlose Alte umher, da betet ein Arzt standesgemäß das medizinische Küchenlatein so lange runter, bis das Auditorium einnickt und hernach der Chor zu einem virtuosen Glockenspiel ein "Vivat" anstimmt. Gemeint ist der frischgekrönte "Doktorand" Argan. Doch dieser Jubelgesang gehört gleichermaßen William Christie und seinen Les Arts Florissants, weil sie mit einem herzerfrischenden Lächeln musizieren, das einfach ansteckend ist.

Guido Fischer, 01.12.1999



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