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Johannes Brahms, Franz Liszt

Lieder

Thomas Quasthoff, Justus Zeyen

Deutsche Grammophon 463 183-2
(80 Min., 10/1999)

Was mag den einunddreißigjährigen Brahms dazu bewogen haben, 1864 einen derart deprimierend-pessimistischen Liederzyklus zu schreiben? Ob mal wieder Clara S. oder eine unbekannte Choristin die Ursache war? Jedenfalls gehören die als Opus 32 veröffentlichten neun Lieder nach Platen und Daumer mit Ausnahme der beiden letzten zu den schwärzesten der gesamten Gattung. Und zu den subtilsten.
Trotz trüber Grundstimmung reicht die weite Ausdruckspalette von zartem Hoffnungsschimmer, stiller Resignation bis zum Sarkasmus, aufbrausenden Schmerz und zur pathoserfüllten Geste. Kaum ein Sänger der jüngeren Garde kann mit einer derartigen Bandbreite aufwarten wie Thomas Quasthoff mit seinem runden, vollen, gleichwohl markanten Bassbariton. Vor allem: Quasthoff belässt es nicht bei momentanen tonmalerischen Textdeutungen, sondern versteht es, eine Werkgruppe in ihrem durchgehenden Gehalt zu erfassen. Statt nur schöner Stellen oder berückender Einzelwerke vermittelt die CD weit mehr: eine achtzigminütige empfindsame Reise mit Einblicken in eine zwischen Abgründen und Resignation angesiedelter Seelenlandschaft. Zu ihr zählen und passen vortrefflich das sanft melancholische Opus 72, das späte, in seiner Ökonomie ausdrucks- und formvollendete Opus 94 sowie Liszts elegisch-deklamatorisch angelegte Werke, besonders die Petrarca-Sonette.
Bei allem Schmelz, den Quasthoff diesen Werken zuteil werden lässt: Von Kitsch hält er sie strikt fern. Selbst die gefährlich gefühlige „Liebestraum“-Paraphrase „O lieb, so lang du lieben kannst“ wird kein Salonschmachtfetzen, sondern ein subtil ausgeleuchtetes Kleinod. Vor allem hier, aber auch beim vollgriffigen, weichen Klaviersatz von Brahms muss sich Quasthoff glücklich schätzen, einen so feinfühligen und eigenständigen Begleiter zu haben. Justus Zeyens singende Klavierbegleitung genügt sich fast selbst. Umso glücklicher die Synthese Quasthoff/Zeyen, die keinen Führer, sondern nur ebenbürtige Partner kennt.

Christoph Braun, 16.03.2000



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