Diverse

Große Pianisten des 20. Jahrhunderts (Vol. 91-100)

Hofmann, Vladimir Horowitz, William Kapell, Alicia de Larrocha, Nikita Magaloff, Arturo Benedetti Michelangeli, Maria João Pires, Maurizio Pollini, Artur Rubinstein, Solomon

Alle CDs erschienen bei Philips:
Hofmann (456 835-2), Solomon (456 973-2), Horowitz (456 844-2), Michelangeli (456 904-2), Pollini (456 940-2), Rubinstein (456 967-2), Pires (456 928-2), de Larrocha (456 886-2), Magaloff (456 898-2), Kapell (456 853-2)

Es hat ein Ende mit den Pianisten. Nach anfänglicher Euphorie und dem Absturz ins Beckmessern darf ich nun abgekühlter resümieren. Vieles braucht man kaum zu wiederholen. Eine ganze Kompanie Toter wie Lebender verlangt immer noch berechtigterweise Einlass in die CD-Ruhmeshalle. Jeder Leser mag seinen übergangenen Heros nennen können. Zudem sind einige Folgen wirklich völlig daneben gegangen: Katchen und Serkin waren desaströs. Wären da auf einer Waage die geglückten Porträts gegen das Flickwerk abzuwägen, es wäre wohl ohne Zweifel die Schale des Missratenen, Verschenkten, die hinabsinken würde.
Andererseits sind einige Pianisten recht glücklich eingefangen worden (z.B. Richter, Sofronitzky, Curzon). Man sollte wohl nicht zu ungnädig mit den Produzenten sein: die Aufgabe war übergroß. So sind mit einer großen Welle viele Schätze und auch etwas Schrott ans Ufer gespült worden und wir haben viel Stoff aufzulesen und zu sortieren. Eines ist damit erreicht: Das Gespräch über den Wert von Interpretation ist mächtig angeregt worden, über den Wert der Vergangenheit und auch der zarten Unterschiede, für deren Entdeckung man Zeit und Sensibilität braucht. Beides ist knapp geworden heutzutage.
Warum Josef Hofmann (456 835-2) neben Rachmaninow als größter Pianist des beginnenden 20. Jahrhunderts galt, ist aus den überkommenen Dokumenten nicht leicht herauszulesen. Die Produzenten halten sich an eine chronologische Ordnung der Aufnahmen, was es uns noch schwerer macht, uns durch köstliches Salongeklingel und kurze Meisterwerke zu arbeiten. Vieles ist wirklich spektakulär, so Moszkowskis "Jongleuse", Hofmanns eigenes Flitterblendwerk "Sanctuary" oder Rachmaninows berühmtes Marschpräludium in g-Moll.
Unmittelbarer lässt sich aus der Solomon-Folge (456 973-2) heraushören, wie groß dieser Künstler war, der zwar erst 1988 starb, aber seit 1956, bedingt durch einen Schlaganfall, traurig schwieg. Seine Hammerklaviersonate bewundern wir heute als eine Synthese aus Arraus Adagio-Andacht und Guldas Sieg über Beethovens aufhetzende Metronomangaben. Solomon spannt den Bogen von stählernder Attacke zur tiefsten Versunkenheit. Chopins vierte Ballade spielt Solomon dann für einen Briten recht feurig. Das Atemholen in den langen Pianissimo-Akkorden vor den abschließenden schroffen Terzgängen ist hier ein unerhört fahler Augenblick, in dem das Geschehen gleichsam über dem Abgrund innehält.
Bei den Allerberühmtesten mögen ein paar Bemerkungen genügen, sie waren alle schon mehrfach dabei. So haben wir Horowitz (456 844-2) mit Beethovens Klavierkonzert Nr. 5 (mit Reiner), die herrischste Version, die ich von dem Stück kenne. Eine entgegengesetzte Beethoven-Sicht, marmorhaft kühl und wunderbar ausgereift, verwirklichte Michelangeli (456 904-2) in der großen Sonate op. 7. Noch kostbarer sein "Carnaval".
Wer nur den oft starren, seltsam neben sich stehenden Pollini (456 940-2) der Neunziger kennt, wird begeistert sein, wie er 1960, nach seinem Sieg im Chopin-Wettbewerb, Schumanns Konzert spielte. Von ähnlichem Furor die Etüden op.10, wahrscheinlich die Referenzfassung dieser Kompositionen. Die dritte Rubinstein-Folge (456 967-2) enthält mit Brahms f-Moll-Sonate und Schumanns Fantasiestücken Höhepunkte seiner Diskografie.
Maria João Pires (456 928-2) kann Mozart mit einer delikaten, traurigen Anmut spielen, doch mit der etwas anämischen Schmalheit des Tons und Ausdrucks wird sie wohl kaum zu den Musikerinnen zählen, die eine Wirkung haben werden auf kommende Pianistengenerationen. Die vollblütige Alicia de Larrocha (456 886-2) aber gehört für mich zu den bewundernswertesten Musikerpersönlichkeiten des Jahrhunderts - und das nicht nur des spanischen Repertoires wegen. Wer sie jemals Schumann spielen hörte, der in dieser nicht sehr glücklichen Zusammenstellung sträflich übergangen wird, wird für dieses Erlebnis ewig dankbar sein.
Nikita Magaloff (456 898-2) dann fällt durch alle Raster eindeutiger Zuordnung ebenso wie der launige Cherkassky. Als einer der wenigen Großen spielte er Chopins erste Klaviersonate in c-Moll ein und sie klingt unter seinen Händen kaum wie ein Gesellenstück.
Mit dem 1952 jung verunglückten William Kapell (456 853-2) will ich enden. Dass ich ihn einige Folgen zuvor abschätzig in eine Reihe mit donnernden Langweilern aus der neuen Welt stellte, war eine Dummheit, die ich zurücknehme. Kapells Bach (Partita Nr. 4) ist, lange vor Gould, von einer ausgeklügelten und krampflosen Schönheit, in die man sich lange versenken kann. Der Beginn der Sarabande zum Beispiel ist in der Dichte der rhythmischen Elemente unerhört schwierig zu gestalten. Während Rosalyn Tureck ihn rhetorisch aufplustert, genügt Kapell exaktes Metrum und eine wirklich geniale Pedalisierung, um zwei Takte subtilsten Spanunungaufbaus zu inszenieren, beispielhaft für einen Phrasierungsschliff, den Kapell nicht als exponierte Stilneuerung vorzuführen nötig hat wie später Gould. Ein Augenblick der Vollkommenheit. Das ist doch ein guter Schluss. Ohne die Edition würde ich immer noch denken, Kapell sei einer dieser - na ja, Sie wissen schon.
So wie ich wird mancher Hörer bei allem Ärger viel Wertvolles mitgenommen haben aus dieser Pianisten-Edition, die nun im Regal steht als Monument der Beständigkeit künstlerischer Größe und des editorischen Scheiterns zugleich.

Matthias Kornemann, 01.01.2000



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