Der für seine Rehabilitation des französischen Musikerbes bekannte Dirigent Michel Plasson hat das Berlioz-Jahr 2003 natürlich nicht verschlafen. Schließlich wurden die gesammelten Chorwerke von Berlioz termingerecht aufgenommen. Nur dass diese Einspielung erst jetzt veröffentlicht wurde, ist zumindest aus Gründen der Firmenbilanzen kaum verzeihlich. Denn das auch in Deutschland wieder erweckte Interesse hätte da förderlich sein können. So ist zu befürchten, dass diese Gelegenheitsarbeiten von Berlioz wieder nur in den Händen der Alles-Sammler fallen werden. Obwohl es immerhin mit der Hymne "La Revolution grecque", die Berlioz mit 22 Jahren komponierte, mehr als nur ein tapferes Jugendwerk zu bestaunen gibt. Da hat Berlioz die schon mal stramm propagandistisch geschmiedeten Orchesterketten mit Raffinement wieder gesprengt, findet er hier zu einer kantablen Eindringlichkeit, mit der er später außerhalb Frankreichs auf der Erfolgswelle schwimmen sollte.
Und gleichfalls der patriotisch heftig ausgependelte "Chant des chemins de fer" op. 19/3 für Tenor, Chor und Orchester schlägt begeisternde Opern-Funken, ist das Orchestre National du Capitole de Toulouse kühn genug, um den von der Orgel getragenen Chor nicht ganz ins bombastische Pathos abgleiten zu lassen. Neben den schon bekannten Werken wie der Rom-Kantate "La mort d'Orphée" gibt es vor allem Chor-Stücke, denen man ihren schnellen Entwurf zwar anmerkt. Dennoch steckt selbst in der süffigsten Meditation Berlioz pur. Und den sollte man eben niemals aus den Ohren verlieren. Schon gar nicht in der jubiläumsfreien Zeit.

Guido Fischer, 29.05.2004



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