Auf die Frage "Warum heute noch Latein lernen?" gibt es eigentlich nur eine Antwort: damit man Vergils "Aeneis" lesen kann. So kunstvoll und ergreifend besingt dieses "Lied vom Helden Aeneas" aus dem ersten vorchristlichen Jahrhundert in der Nachfolge Homers die Irrfahrten der Trojaner nach der hinterlistigen Zerstörung ihrer Heimat, die tragische Liebe ihres Anführers zur karthagischen Königin Dido und deren von göttlicher Vorsehung erzwungenes Ende, sowie Aeneas' Gründungskämpfe um Latium und das künftige Weltreich Rom (mit Visionen eines goldenen - später christlich gedeuteten – Zeitalters), dass die Lektüre seit 2000 Jahren niemanden kalt lässt. Dies widerfuhr auch Berlioz, der schon als Jugendlicher vor allem vom vierten Buch (mit Didos Selbstopferung) so fasziniert war, dass er den Plan einer "Grand Opéra" der "Troyens" nicht mehr aus den Augen verlor.
Groß ist es in der Tat geworden, dieses erst 1856 fertig gestellte, fünfaktige, gut vierstündige Opus Summum des zeitlebens ebenso verachteten wie gefeierten Antiken-Verehrers und eigensinnigsten Genies der französischen Musik. Und groß blieb die Abneigung gegen die scheinbar allzu lange und schwierige Gesamtkonzeption, hielt man doch bis zur epochalen fünfaktigen Wiederaufführung im Jahre 1957 durch Rafael Kubelik am Covent Garden (eine erste, bald vergessene Gesamtdarbietung wagte man 1890 in Karlsruhe) an der strikten Zweiteilung respektive Zerstückelung des Werkes fest: hier die düsteren, von den im wahrsten Sinn "unerhörten" Kassandra-Klagen durchzogenen ersten beiden Akte der Vernichtung Trojas, dort die zunächst "lichteren", spielerischen, schließlich aber doch durch göttliche Weisung tragisch endenden Liebesbande auf Karthago der Nummern 3 bis 5.
Wer trotz Colin Davis' Berlioz-Renaissance und Dutoits Montréal-Zyklus' noch immer von einer gigantischen Fehlkonzeption der "Trojaner" spricht, wer noch immer die bornierte Ignoranz propagiert: was soll mir Berlioz gegenüber Wagner?!, - wer also weiterhin seine Vorurteile pflegen möchte, der sei vor dem grandiosen DVD-Mitschnitt des Werkes aus dem Pariser Châtelet-Theater vom Oktober 2003 gewarnt: nach Gardiners und Yannis Kokkos' Präsentation müssen alle Einwände nicht nur verstummen; man muss das Werk vielmehr zu den fesselndsten der Opernliteratur zählen, jedenfalls in dieser kongenialen Vergegenwärtigung.
Zunächst besticht die einfühlsame, d.h. klug-zurückhaltende Inszenierung Kokkos', die die Sinne des Publikums weder mit statischen Massenszenen langweilt noch mit grellen Videoclips oder nacktem Fleisch zuschüttet oder mit moralinhaltigen Aktualisierungsbemühungen belästigt (allenfalls der kurze Auftritt der MP's tragenden Griechen vor den sich selbstmordenen Trojanerinnen irritiert da ein wenig); auch wird erst gar nicht versucht, zuviel Realismus oder – umgekehrt – Berge von nebulösen Symbolen auf die Bühne zu bringen und etwa das trojanische Pferd mitsamt seinem tödlichen "Inhalt" darzustellen oder umgekehrt die berühmte "Königliche Jagd- und Sturm"-Szenerie, in der Didos Erregung und Liebe, aber auch deren schicksalhaft vorbestimmtes Ende heraufbeschworen wird, symbolhaft nachzeichnen zu wollen. Vielmehr bleibt die Musik als eigentliche Trägerin des inneren wie äußeren Geschehens durchgehend dem Châtelet-Besucher (und DVD-Betrachter) bewusst.
Dafür steht – natürlich – auch und gerade der Name Gardiner. Mit rückhaltloser "Ehrlichkeit" (und natürlich Originalinstrumenten) arbeitet sein fabelhaftes "Orchestre Révolutionnaire et Romantique" – nomen est omen - die Berlioz'sche Klangfarbenpracht mit all ihren Kanten und erregend schönen Kantilenen heraus. So entstanden zutiefst menschlich-anrührende Szenen (allen voran die "stumme" Klage Andromaches über den Tod des Gatten Hektor, ferner das berühmte "Septett" und natürlich das Liebesduett), aber auch ungemein packende Tutti-Passagen und nicht zuletzt ein höchst kurzweiliges (und akrobatisches) Ballett, das - prototypisch für das gesamte Bühnengeschehen - Berlioz' filigran-exotische Musik betörend in körperliche Bewegung übersetzt.
Auch wenn das Attribut "grandios" nicht zu häufig benutzt werden sollte: Anna Caterina Antonacci verdient es mit ihrer sängerisch wie darstellerisch außerordentlich fesselnden Kassandra-Vergegenwärtigung. In puncto Glaubwürdigkeit stehen ihr die stimmgewaltige Susan Graham und Gregory Kunde als Dido respektive Aeneas (Énée) in nichts nach. Allerdings muss Kunde – bei aller staunenswerten tenoralen Höhenstrahlkraft – in mittleren Lagen kämpfen. Überhaupt geraten die männlichen Protagonisten (mit Ausnahme des wunderbar lyrischen, geschmeidig agierenden Mark Padmore) gegenüber ihren Kolleginnen etwas in Bringschuld. Außergewöhnlich Glanzvolles wiederum bieten der Monteverdi Chor und der Châtelet-Choeur, in denen keine – wie andernorts so oft zu hören – matronenhaft kreischende Quintenschleudern ihr Unwesen treiben, sondern schlanke, gleichwohl schlagkräftige und flexible Stimmen ihrem Meister folgen. Kein Wunder, heißt dieser doch Gardiner.

Christoph Braun, 11.06.2005



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