Dass Georges Bizet noch etwas anderes als seine "Carmen" und die "L'Arlésienne"-Suiten geschrieben haben könnte, mag man kaum glauben (ebenso wenig, dass er zeitlebens ein erfolgloser Komponist blieb). Dabei sollte doch eigentlich klar sein, dass auch das berühmteste Werk der Operngeschichte nicht vom Genie-Himmel fiel, sondern Vorläufer hatte und diese auch benötigte. Die reichen zwar nicht an jenen Schaffens-Höhepunkt heran, weisen aber durchaus Kostbarkeiten auf, die direkt auf die "Carmen" verweisen.
Das gilt vor allem für die 1863 am Pariser Theatre lyrique uraufgeführten "Perlenfischer". Es lohnt sich, wie bereits 1978 George Prêtre und 1989 Michel Plasson mit ihren Aufnahmen zeigten, in das nahezu unbekannte Werk hineinzuhören. Allerdings nicht seines Themas wegen - die bereits von Spontini und Bellini vertonte Geschichte von der keusch-heiligen Priesterin (Leila), deren Liebeshunger zwei Männern zum Verderben wird, ist so schwülstig wie schwachsinnig (Bizet fand denn auch erst nach mehrfachen Anläufen den passend tragischen Schluss); als vielmehr der eingängigen melodischen Reichtümer und der exquisiten Klangfarben-Effekte wegen, die dem exotischen Terrain Ceylons geschuldet sind - beziehungsweise dessen, was Bizet sich in seiner romantischen Fantasie darüber ausmalte.
Leider hilft diese Mono-Aufnahme unter René Leibowitz nicht sehr bei der Wiederentdeckung. Das Beiheft ist keines, sondern nur ein Einlegeblatt, von dem man kaum etwas über das Werk, nichts vom Libretto, geschweige denn etwas von der Aufnahme und ihren Interpreten erfährt. Vermutlich stammt die Aufnahme aus den unmittelbaren Nachkriegsjahren, als der geniale Orchesterleiter und Webern-Schüler Leibowitz Dirigent beim Französischen Rundfunk war.
Dem glutvollen, höhensicheren, allerdings mitunter (zeittypisch?) spitz intonierenden Sopran Mattiwilda Dobbs' kann man ebenso applaudieren wie dem geschmeidigen und ausdrucksintensiven, mitunter allerdings belegt intonierenden Tenor Enzo Seris, Jean Borthayre als machtvollem Zurga und Lucien Mans als gravitätischem Priester Nourabad.
Das große Plus der Aufnahme: Durchweg spürt man Leibowitz' Feuer und Inbrunst. Gleichwohl: technische Mängel und Koordinationsdefizite der Pariser Ensembles sind nicht zu überhören, was bedeutet, dass die bei den späteren, einzigartigen Beethoven-Aufnahmen Leibowitz' zu bewundernde analytische Schärfe hier nur bedingt Wirkung gezeigt hat. Das wertet diese extreme Schmalkost-Veröffentlichung nicht eben auf, auch wenn Leibowitz und "historisch" draufsteht.

Christoph Braun, 13.06.2002



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