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Frédéric Chopin

Nocturnes (Folge 1)

Ewa Kupiec

Koch 3-1797-2
(54 Min., 12/1996) 1 CD

Der erste Eindruck ist ernüchternd: So spröde und starr beginnt Ewa Kupiec ihre Gesamteinspielung der Chopin-Nocturnes? Tatsächlich fängt die Pianistin ihre Hörer nicht mit romantisierender Stimmungsduselei ein; Chopins delikat ausschwingende Kantilenen bleiben quasi an der metrischen Leine. Dieser Ansatz mag, verglichen mit konventionellen Interpretationen, etwas unfrei wirken, doch gerade in der Umgebung emotionaler Zurückhaltung wirken sparsam dosierte Rubati um so eindringlicher.
Bezüglich der Klanggestaltung beschreitet die Interpretin ähnliche Wege. So werden wir sanft, aber beharrlich gezwungen, genau hinzuhören. Ewa Kupiec verbreitet hier keine dick gepinselten Notturno-Gefühle, sondern geht dem schroffen, zuweilen erstaunlich distanzierten Charakter der Werke interpretatorisch auf den Grund. Sie beweist durch ihr feines Gespür und ihre Stilsicherheit, dass man, um vertraute Dinge neu zu bewundern, gelegentlich etwas Abstand braucht. Wer dies beherzigt, erlebt eine Einspielung von ungewöhnlicher Geschlossenheit und Tiefe. Künstlerin und Label sind dazu zu beglückwünschen, sich auch im Herzen des Populärrepertoires auf Entdeckungsfahrt zu begeben, anstatt sich dem Eingängigkeitsdiktat der klassischen Anbiederungswelle zu beugen.
(Siehe auch Rezension der Folge 2.)

Matthias Kornemann, 30.06.1997



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