Claudio Monteverdi

L'Orfeo

Laurence Dale (Orfeo), Efrat Ben-Nun (Euridice), Harry Peeters (Plutone), Bernarda Fink (Proserpina), Andreas Scholl (La Speranza) u. a., Concerto Vocale, René Jacobs

Harmonia Mundi France/Helikon HMC 901553.54
(1995) 2 CDs, Komponiert: vor 1607, Uraufführung: 1607 in Mantua

“L'Orfeo” ist zwar nicht die erste Oper, aber die erste beste - nein, die beste unter den ersten Opern der Musikgeschichte. Kein Stochern im Nebel für den 1607 auch schon vierzigjährigen Monteverdi - sein erster Versuch im neuen Genre war sofort ein Treffer ins Schwarze, der auch heute noch das Publikum elektrisieren kann. Vor allem, wenn man das Werk derart mediterran glutvoll dargeboten bekommt wie in meiner Lieblingsaufnahme mit René Jacobs und dem Concerto Vocale.
“L'Orfeo” ist auch ein Werk, das jene Interpreten, die auf der Suche nach der historischen Aufführungspraxis sind, seit jeher umgetrieben hat. Nikolaus Harnoncourts Version aus dem Jahr 1968 mit ihrer rustikalen Klanggebung und einem noch arg nach Verdi schielenden Lajos Kozma als Orfeo ist da interpretationsgeschichtlich genauso interessant wie John Eliot Gardiner im Jahr 1984, der Monteverdis Geniestreich als frühen Klassiker missversteht, dem seines Erachtens einzig mit erhebender (manche mögen meinen: gespreizter) Deklamation beizukommen ist.
Jacobs und sein Orfeo Laurence Dale holen den Halbgott auf die Erde. Schon im Prolog gibt uns Efrat Ben-Nun als “La Musica” mit finster rollenden “Rrrs” ganz deutlich zu verstehen, dass sich hier ein wahres Drama anbahnt. Die bei Jacobs ganz klein besetzten Chöre stehen beim Hören quasi im Wohnzimmer, schaffen damit eine förmlich klaustrophobische Atmosphäre - diesem Schicksal können wir auch heute nicht entkommen. Der pastorale erste Akt hingegen, in dem die Hirten und Nymphen Orfeos Glück besingen, lebt noch ganz vom Tanz: Im Balletto lässt Jacobs sogar den Schellenkranz erklingen, aber auch der Gesang wird nicht fade durchbuchstabiert, sondern gewinnt seine Eindringlichkeit aus der Verbindung von Melos und Rhythmus.
Als Plutone, der König der Unterwelt, Orfeo gestattet, die geliebte Euridice heimzuführen, stimmt der ein frohes Liedchen an, das von marschierenden Viertelnoten begleitet wird. Bei Jacobs klingt dies tatsächlich wie ein swingender “Walking Bass”, der aus dem Jazz geläufig ist. Die Basslinie reißt dann abrupt ab, als Orfeo innehält und sich fragt, ob die Geliebte ihm tatsächlich folgt. Es kommt, wie es kommen muss, und Efrat Ben-Nuns Euridice stimmt einen Klagegesang an, der einem wirklich fast die Tränen in die Augen treibt.
Mit der Handlung kann es jetzt nicht mehr recht weitergehen. Der fünfte Akt von Striggio und Monteverdi sieht denn auch nur noch erhabene Belehrungen durch den Tugendbold Apoll vor, der seinen Sohn überredet, allem Irdischen Lebewohl zu sagen. Wie hätte Monteverdi wohl jene Schlussvariante in Töne gesetzt, die der antike Mythos eigentlich vorsah? Dann nämlich würde Orfeo am Schluss von Mänaden in Stücke gerissen. Schade, dass man sich das in Mantua damals nicht getraut hat. Immerhin hat Monteverdi eine Moriske, einen recht wilden Tanz also, ans Ende der Oper gesetzt - leise Andeutung dessen, was er eigentlich mit seinem Helden vorgehabt hätte?

Stefan Heßbrüggen, 01.12.1999



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