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Frédéric Chopin

Préludes op. 28 u.a.

Nikolai Lugansky

Erato/Warner Classics 0927-42836-2
(78 Min., 4/2001) 1 CD

Hört man Chopins "Préludes" von älteren Vertretern der russischen Schule wie Sokolow, Pogorelich (auch er, das vergessen manche, ist ganz vom Moskauer Konservatoriumsstil geprägt) oder dem früh verstorbenen Andrei Nikolsky, wirken diese Fragmente wie exaltierte Momentaufnahmen emotionaler Extreme. Es gibt genug der Eigenwilligkeiten, an denen sich unser Missfallen festkrallen kann. Sich mit diesen vielleicht allzu individuellen Zerrbildern zu befassen, könnte sich bald als nostalgischer Luxus erweisen.
Nikolai Lugansky ist ein ganz neuer Pianistentypus. Kontrolliertheit hat jenen totalen Grad erreicht, an dem sie nicht nur den geringsten Manierismus unterdrückt, sondern die Kälte dieser Beherrschung subtil zu mildern sucht. In den barockisierenden Bewegungsstudien ist Luganskys anstrengungsloses Leggiero von bezaubernder Anmut. Wunderschön, ohne den üblichen Toccaten-Nachdruck gerät das Präludium in D oder das vorletzte in F.
Dort aber, wo Chopin sich an die Grenzen des Hässlichen, Verstörenden tastet, wird Luganskys Stil seltsam lau. Die beißenden Dissonanzen der Begleitung des a-Moll-Préludes verbirgt er in einem Klangteppich, und dem Unsiono-Prélude in es-Moll nimmt er in zaghaft erprobenden Episoden seine Unheimlichkeit. Flächig und breit beginnt er, zieht das Tempo an, feilt die Mittelstimmen aus, wird trockener und hört die Oberstimme.
Diese Furcht vor dem interpretatorischen Luftwiderstand ist auch im kürzesten und vielleicht schönsten der "Préludes" hörbar, den sechzehn Mazurka-Takten in A-Dur. Chopins Pedalisierung erzeugt, von Sokolow oder Nikolski einmal furchtlos umgesetzt, eigenartig dissonante Mischklänge. Auch Lugansky will das Pedal korrekt halten - aber unmerklich hebt er es doch ein bisschen auf (Paderewski schlägt das schon vor), und die Dissonanz verschwindet aus der Klangfläche. Da begreift man Luganskys Scheitern. Vielleicht glaubt er tatsächlich, Chopins Willen zu erfüllen, indem er all dem "Hässlichen und Abstoßenden" ausweicht, von dem Schumann in seiner Rezension schrieb.
Doch wer die Grate und Brüche des Unvollkommenen abschleift, nimmt diesen Fragmenten auch ihre Humanität. So stehen wir vor diesem makellosen Spiel mit jenem gelangweilten Respekt, der einen befällt, sieht er die perfekte römische Replik einer griechischen Statue. Etwas fehlt.

Matthias Kornemann, 16.05.2002



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