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N° 1253
14. - 20.05.2022

nächste Aktualisierung
am 21.05.2022



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Frédéric Chopin, Leopold Godowsky

Études

Boris Berezovsky

Warner Classics 2564 62258-2
(54 Min., 4/2005) 1 CD

Im Kindesalter ein paar Klavierstunden von einem Laien aus der Nachbarschaft, drei Monate an der Musikhochschule in Berlin als 13-Jähriger - das war die gesamte Unterweisung im Klavierspiel, die Leopold Godowsky zeit seines Lebens erhalten hat; darüber hinaus war er Autodidakt. Vor dem Hintergrund der aberwitzigen technischen Anforderungen, die seine Werke an den Interpreten stellen, zählt diese künstlerische Biografie zweifellos zu den großen Wundern der Musikgeschichte. Faszinierend ist ferner die unprätentiöse Gewissenhaftigkeit, mit der Godowsky klaviertechnische Problemstellungen in Angriff nahm: Seine Bearbeitungen von Chopins Etüden op. 10 und op. 25, die er als 23-Jähriger fertig stellte, entsprangen etwa der intensiven Beschäftigung mit den Originalen u. a. in Form von Fingersatz- und Transkriptionsstudien. Die Stücke zählen zum Schwersten, was jemals für Klavier komponiert wurde; sie präsentieren sich als Zuspitzung, Extrakt oder Kombination der technischen Schwierigkeiten, die Chopins Etüden bereits zur Genüge bieten.
Boris Berezovsky gehört zu den wenigen Pianisten, die ein Programm aus Chopins Originalen und Godowskys Bearbeitungen live befriedigend umsetzen und zudem mit CD-reifer Makellosigkeit darbieten können. In der Regel stellt er eine Etüde Chopins einer der (meist mehreren) Bearbeitungen Godowskys gegenüber. Interpretatorisch bewegt sich Berezovsky selbstverständlich auf sehr hohem Niveau; bei den Chopin-Originalen wagt er in puncto Durchsichtigkeit und agogischer Nuanciertheit live teilweise noch mehr (oder hat inzwischen noch mehr zu bieten) als bei seiner Studio-Einspielung sämtlicher Etüden. Godowskys Bearbeitungen bewältigt er bravourös. Kleine Schwächen offenbaren sich in diesen olympischen Höhen nur noch beim Vergleich mit anderen brillanten Interpretationen: So meißelt etwa Nikolai Lugansky die rasenden Triolen von op. 10, 4 noch exakter und prägnanter in die Tastatur, und Marc-André Hamelin, der Godowoskys Bearbeitungen komplett einspielte, bietet auf der Basis seines immer polyphonen Denkens noch plastischere, weiträumigere und klarer geschichtete Versionen einiger der Godowsky-Stücke, u. a. der zweiten Bearbeitung von op. 25, 1.

04.03.2006



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