So stressig kann Liedgesang sein. Elisabeth Schwarzkopf und Gerald Moore präsentieren in zwei Rundfunksendungen der BBC aus den Jahren 1961 und 1970 eine Reihe bekannter Kunstlieder von Mozart, Schubert, Schumann, Brahms, Mahler und Strauss. Schwarzkopf agiert auf jene vertraute Weise, die ihr Markenzeichen war: Jedes Wort, jede Silbe wird aufs Expliziteste zelebriert. Schwarzkopfs Gesicht, vor allem die Mundpartie, verschiebt und formt sich mit geradezu beängstigender Beweglichkeit unermüdlich zu jeder erdenklichen Mimiknuance, und dies in kaum mitvollziehbarer Frequenz: Man weiß als Zuschauer förmlich nicht, was man fühlen soll, die Anspannung treibt einem Schweißperlen auf die Stirn. Egal, wie knapp eine Liedminiatur auch bemessen, wie belanglos der Text auch sein mag: Jegliche Regung wird ausgestaltet, mitvollzogen und verstärkt – natürlich nicht nur mimisch. Auch verfärbt Frau Schwarzkopf zahllose Vokale so extrem, dass der Hörer oft angestrengt in seinem Kopf nach den schon häufig gehörten Texten von Brahms' "Vergeblichem Ständchen", Schuberts "Seligkeit" oder Schumanns "Nussbaum" kramen muss, um sich zu vergewissern, dass die Sängerin nicht unvermittelt in eine andere Sprache gewechselt hat. Künstlichkeit ohne Ende, flankiert von Biederkeit bis auf die Knochen. Auch in den moderierenden Texten, mit denen die Sängerin in der 1970er Sendung die einzelnen Lieder ankündigt, erhofft man vergeblich den leisesten Hauch von natürlicher Unmittelbarkeit.
Ein Dokument von hohem Wert sind diese Aufzeichnungen ohne Zweifel. Aber ungebrochen goutieren kann man diese Art von Liedgesang keinesfalls mehr. Elisabeth Schwarzkopf, die oft scherzhaft "Her Master's Voice" genannt wird, weil der selbstherrliche EMI-Produzent Walter Legge (ihr Ehemann) in folterähnlicher Kleinstarbeit Interpretationen wie die vorliegenden mit ihr erarbeitet hat, darf wohl eher als "Her Master’s Victim" gelten. Es wäre auch verfehlt, solche Auswüchse als zeitbedingt zu entschuldigen: Schließlich reden wir hier nicht etwa von den Fünfziger- sondern vielmehr von den Sechzigerjahren, dem Dezennium der Beatles und der Studentenunruhen. In so einer Ära an einem derartigen Darbietungsstil festzuhalten bedeutete, die Kunst des Liedgesangs zu Grabe zu tragen.

Michael Wersin, 10.10.2008



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Wenn man eine Umfrage über die Lieblingsjahreszeiten machen würde, dann würde der Winter dabei vermutlich eher schlecht abschneiden. Zu kalt, zu nass, zu dunkel – so die landläufige Meinung über diesen introvertierten Bruder des sonnensatten Sommers und der farbenfrohen Übergangszeiten. Nur Weihnachten, das bildet ein kleines, gemütliches (wenn auch für viele nicht unstressiges) Glanzlicht in der Winter-Tristesse. Doch der Winter ist weit mehr als nur die dunkle Jahreszeit, das hat […] mehr »


Top