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Ludwig van Beethoven

Sinfonien Nr. 5 & Nr. 1

Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, Paavo Järvi

RCA/Sony BMG 88697 33835-2
(55 Min., 2008) 1 CD, SACD

Wer hätte gedacht, dass nach Norrington, Gardiner und Zinman die Beethovenexegese noch brillanter, noch mitreißender werden könnte? Was die nachfolgende Generation um Järvi, Antonini und Dausgaard derzeit zuwege bringt, ist zwar kein wirklich "neuer" Beethoven – dafür haben bereits jene gut 70-jährigen Pioniere zu viele erhellende Einsichten geliefert und die alte Schallplattengarde (sieht man von Toscanini, Leibowitz, Kleiber und dem jungen Karajan ab) zu Archivdokumenten von mehr oder minder subjektiv verfälschenden oder/und langweiligen Romantizisten degradiert; gleichwohl birgt der objektivierte, strikt an den Quellen orientierte Beethoven der drei Endvierziger nochmals eine Prise mehr an Herzblut. Was sie schon äußerlich eint, ist ihre Arbeit mit modernen Kammerorchestern, die in der historisch informierten Aufführungspraxis firm (und überdies eigenverantwortlich-demokratisch strukturiert) sind. Der radikal entschlackte Apparat führt zu einer wunderbaren Stimmenluzidität und lässt doch, wenn er derart befeuert wird wie von Järvi, keine Wünsche offen darüber, was man gemeinhin mit der geballten Faust in Max Klingers bedeutungsschwerer Leipziger Beethovenskulptur assoziiert.
Järvi leistet mit seinem Bremer Juwel eine geradezu "perfekte" Synthese von vorwärts drängenden Ecksätzen und liebevoll modellierten Andantegesängen mit ausgetüfftelten Legato/Staccato-Wechseln und -Kombinationen. In allem waltet stets eine geschmeidige, pulsierende Innenspannung. So wird auch schon die Erste zum scharf konturierten Markstein des Neuen, der alle zeitgenössischen Anleihen obsolet werden lässt. Dass in Järvis Fünfter das c-Moll-"Schicksal" nicht tonnenschwer gegen die Pforte rumpelt, sondern sich in barsch-trockenen Schlägen kundtut; dass die Kontrabässe sich im fugierten Trio nicht schwerfällig den Berg hinaufschleppen, sondern gespannt wie Flitzebögen hinauftänzeln; dass schließlich die C-Dur-Apotheose nicht als Endlosgedonner zelebriert, sondern als lapidar kurzer, strahlender Triumph gefeiert wird – das alles mag Heroenanbeter des (vor)letzten Jahrhunderts verstören und ärgern, die anderen aber können nur begeistert auf die drei noch ausstehenden Zyklusbeiträge aus Bremen warten.

Christoph Braun, 07.11.2008



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