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Ildebrando Pizzetti

L'assassinio nella cattedrale

Ruggero Raimondi, Paoletta Marrocu, Sonia Zaramella. Sinfonieorchester Bari, Pier Giorgio Morandi u.a.

Decca/Universal 074 3253
(84 Min., 12/2006) 1 DVD

Seit die Mafia das Opernhaus in Bari abgebrannt hat, müssen die Opernmacher an andere Orte ausweichen. Für Ildebrando Pizzettis Oper "L'assassinio nella cattedrale" über den Mord an Thomas Becket in der Kathedrale von Canterbury wählte man, wenn auch nicht den Originalschauplatz, so doch die örtliche Kathedrale von Bari. Orchester und Publikum sind in dieser Aufzeichnung deutlich zu erkennen und sorgen für einen gewollten Verfremdungseffekt: Wir sind Zeugen einer Aufführung, in der uns ein mittelalterliches Mysterienspiel um einen Märtyrer gezeigt wird. Schon der Librettist T. S. Eliot orientierte sich an englischen "Jedermann"-Versionen und der Komponist Pizzetti fühlte sich offenbar von den Archaismen des Schauspiels angezogen. Er gehört zur "generazione dell’ottanta", der in den Achtzigerjahren des 19. Jahrhunderts geborenen, wie Respighi und Malipiero. Sie alle sahen sich in einer großen italienischen Musiktradition, vornehmlich der alten Kirchenmusik. Diese wollten sie behutsam weiter entwickeln, indem sie eine Synthese aus Verdi, Debussy und Dukas anstrebten. Das Resultat ist eine eigentümlich altmodische Musik mit dichter Atmosphäre, effektbewusst wie die Veristen, doch ohne deren hitverdächtige Arien.
Höhepunkt der Oper ist der große Unterwerfungsmonolog des Thomas Becket am Ende des ersten Akts, den Ruggero Raimondi wahrhaft ergreifend gestaltet. Wenn die Oper eine Hommage an den englischen Märtyrer ist, so ist diese Opern- und Filmproduktion eine Hommage an den großen italienischen Bassbariton. Seine bekanntesten Rollenvorgänger waren Nicola Rossi-Lemeni und Hans Hotter, und er steht ihnen kaum nach. Auch im Alter ist die Stimme noch bemerkenswert intakt, die anspruchsvolle Rolle hat ihn offenbar zu künstlerischen Höchstleitungen gegen Ende seiner Karriere inspiriert. Die übrigen Solisten singen und spielen sehr gut, ohne dass einzelne herausragten und im Gedächtnis bleiben würden. Mit dem Sinfonieorchester der Provinz Bari kann der Dirigent Pier Giorgio Morandi zwar keine Wunder vollbringen, aber die Aufnahmetechnik sorgt dafür, dass sich die Kathedralenakustik in Grenzen hält und die lange unterschätzte Komposition Pizzettis zu ihrem Recht kommt.

Uwe Friedrich, 07.11.2008



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