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Johannes Brahms, Max Bruch

Cellosonaten Nr. 1 und Nr. 2, Kol nidrei

Jacqueline du Pré, Philharmonisches Orchester Israel, Daniel Barenboim

EMI 5 57293 2
(63 Min., 4/1968, 6/1968) 1 CD

Brahms' Cellosonaten als CD-"Soundtrack" zum Film? Was bei jedem Hollywood-Streifen ein schlechter Scherz wäre, das hat bei Christopher Nupens Film "Who was Jacqueline du Pré?" dokumentarischen Charakter. Bei der Materialsichtung für seinen im letzten Jahr ausgestrahlten Film über die an Multipler Sklerose erkrankte, 1987 im Alter von zweiundvierzig Jahren verstorbene Künstlerin stieß Nupen auf bislang unveröffentlichte Brahms-Aufnahmen vom April 1968. Nur im Abspann sind davon einige Takte zu hören - viel zu wenig, wie die jetzt nachgelieferte Einspielung zeigt.
Jacqueline du Pré war der Inspiriations-Mittelpunkt jener einzigartigen Clique von jungen Stars um Daniel Barenboim, Pinchas Zukerman, Zubin Mehta, Wladimir Aschkenazy und Itzhak Perlman. Man glaubt allen diesen von Nupen Interviewten, die ihrem Zauber erlagen und von ihr als "wildem Mustang" schwärmten.
Das ist hier leicht zu verstehen, hört man, mit welcher Intensität sie sich in Brahms' zweite Sonate stürzt. Hier wird Jacqueline du Pré voll und ganz ihrem Nimbus als personifizierte romantische Emphase gerecht, so überschwänglich legt sie ihre Legato-Gesänge an. Der trotz aller klassizistischen Formenstrenge orchestral-vollgriffige Spätstil Brahms' liegt hier in vier besten Händen - auch ihr jung vermählter Gatte Barenboim ließ sich von ihrem Feuer anstecken.
Dieselbe Emphase driftet mir allerdings bei der ersten Cello-Sonate etwas zu sehr ins Rhapsodisch-Uferlose ab. Hier sind die subjektiven Tempoverschiebungen, Rubati und Accelerandi eine Spur überzogen, ist der romantische Duktus zu überbordend, zumal dieses e-Moll-Frühwerk ja schon an sich mit tiefen, schwelgerischen Registern überladen scheint. Da hätte jene klassisch-gezügelte Eleganz gegensteuern müssen, die man zum Beispiel bei Rostropovitch und Serkin bewundern kann.
Auf der anderen Seite kann man sich einen innigeren Gesang am Schluss des ersten Satzes oder im Fis-Dur-Adagio der zweiten Sonate nicht ausmalen. Das gilt auch für "Kol nidrei", Bruchs melancholisches Adagio nach hebräischen Melodien. Die jung Vermählte, die Barenboim ein Jahr zuvor während des Sechs-Tage-Krieges geheiratet hatte, beschäftigte sich damals intensiv mit dem jüdischen Glauben. Auch dies ein denkwürdiges Kapitel in einem denkwürdigen Menschen- und Künstlerleben.

Christoph Braun, 25.04.2002



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