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Live In Berlin

David Murray Black Saint Quartet

Jazzwerkstatt/Codaex JW 035
(71 Min., 11/2007) 1 CD

Es ist eine durchaus typische Aufnahme für David Murray, den wahrscheinlich spielfreudigsten Vertreter des Post-Free-Jazz: live, roh, unbeugsam – und doch, bei aller Exzessivität, um Nachvollziehbarkeit bemüht. "Musik muss wieder swingen" hatte Murray einst nach seiner frühen wilden Phase für sich festgestellt. In seinem Black Saint Quartet beherzigen Bassist Jaribu Shahid, Schlagzeuger Hamid Drake und Pianist Lafayette Gilchrist (der respektabel das Erbe des 2006 verstorbenen John Hicks angetreten hat) diese Maßgabe vorbildlich. Sei es der federnde Rock-Beat am Anfang von "Dirty Laundry", der Latin-Einschub in der "Giant Steps"-Paraphrase "Murray’s Steps" oder der "Waltz Again"-Walzer – alles pulsiert und vibriert, nichts wird mit Absicht rhythmisch gegen die Wand gefahren.
Murrays Radikalität zeigt sich anderswo. Da wäre zum einen sein Spiel auf dem Tenorsaxofon, das auf einen Schlag von der zivilisierten Warmherzigkeit eines Lester Young in den archaischen Furor eines Albert Ayler wechseln kann. Zum anderen dulden Murray und seine Mitstreiter beim Solieren keinerlei zeitliche Eingrenzungen. Bis auf die zarte, mit gestrichenem Kontrabass und heiserer Bassklarinette vorgetragene Klage "Banished" bestehen die Stücke auf "Live in Berlin" aus Improvisationsmarathonläufen, mit denen man früher eine ganze Plattenseite allein gefüllt hätte. Hier mehr Ökonomie zu fordern, wäre wahrscheinlich frevelhaft. Alles in allem: In der Hauptsache ein Fall für Fans, die auch gegen die adäquat unbehauene Klangqualität der Konzertaufnahme (die übrigens ebenfalls auf DVD erschienen ist) nichts einzuwenden haben.

Josef Engels, 19.12.2008



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