Es sollte sein größter Auftritt als bekennender Weltumarmer werden. Herausgekommen ist zumindest sein wohl weltweit bekanntester. Weshalb er nun auch in dem Fünf-DVD-Set nicht fehlen darf, das dem Dirigenten Leonard Bernstein postum zum 90. Geburtstag gratulieren will. Kaum hatten die Berliner Mauerspechte Besitz vom Symbol der Teilung ergriffen, jettete Bernstein nach Berlin, um den historischen Akt mit einem Konzert im Berliner Schauspielhaus zu besiegeln. Und dies selbstverständlich mit Beethovens schon immer staatstragend instrumentalisierbarer Neunter Sinfonie. Für den 25. Dezember 1989 stellte Bernstein ein Orchester mit Musikern der vier Siegermächte und des Sinfonieorchesters des BR zusammen. Und in einer zweiten Geste der Versöhnung ließ Bernstein bekanntermaßen im Chorfinale nicht "Freude", sondern "Freiheit schöner Götterfunken" singen. Der einstige Wiedervereinigungstaumel ist danach dem Alltag gewichen. Und dem damals um den ganzen Globus übertragenen Konzert kann man heute – nüchtern betrachtet – höchstens ein bemühtes Ringen um den großen musikalischen Moment attestieren. Dringlichkeit erfüllte die ethisch-philosophische Substanz der Neunten kaum. Und als Bernstein scheinbar ergriffen nach dem letzten Ton sekundenlang in völliger Starre verharrte, wurde das doch nur zu einem schalen Ritual.
Umso begeisterter nimmt man die vier weiteren Konzertmitschnitte wahr, die 1973 (Jerusalem), 1981 (Paris und Wien) sowie in Bernsteins Todesjahr 1990 (Wien) entstanden. Mit dem Israel Philharmonic Orchestra verdeutlichte er in den Sinfonien Nr. 1 und 3 von Brahms die evolutionären Gestaltungsprozesse auch mit schwingender Zartheit. Bei den Konzerten mit dem Orchestre National de France zelebrierte Bernstein zuerst César Francks d-Moll-Sinfonie faszinierend mit tristansehnsüchtiger Fülle. Um danach die Franzosen bei Darius Milhauds "Le bœuf sur le toit", der neben "La création du monde" eine DVD-Premiere erlebt, schmissig aus der Reserve zu locken. Zwei audiovisuelle Bernsteinklassiker runden das Porträt mit jenem Orchester ab, das ihn stets mit offenen Armen empfing. Mit den Wiener Philharmonikern gab er 1981 eine Mozartlehrstunde. Mal furios dämonisch (Sinfonie Nr. 39), mal apollinisch gelöst (Klavierkonzert Nr. 17). Und die Aufführung von Bruckners neunter Sinfonie geriet zur letzten Zusammenarbeit zwischen den Seelenverwandten – man warf sich mit aller Macht und Akkuratesse in die harmonischen Kühnheiten und elementaren Härten dieser Partitur.

Guido Fischer, 19.12.2008



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