Die Romantik, so Peter von Matt, ist "die erschütternde Inszenierung der Spaltungen, Zerrüttungen, Doppelgängererfahrungen, des Wahnsinns". Wie kein anderer unter den Musensöhnen des 19. Jahrhunderts ist Schumann zugleich ihr "Klient" und "Psychoanalytiker" gewesen – nicht erst als Insasse der Endenicher Irrenanstalt, sondern zeitlebens als komponierend-poetische Zwittergestalt von kraftstrotzend-himmelsstürmendem Florestan und empfindsamem, neurotisch-selbstbezogenem Eusebius. Diesem Januskopf widmet sich wie kein anderer Dirigent unserer Zeit Nikolaus Harnoncourt: Schumanns Partituren sind dem scheinbar ewig jung bleibenden Feuerkopf einzigartig aufwühlende Seelendramen. "Genoveva" hält er – Wagner zum Trotz – für die bedeutendste Oper der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Hört und sieht man sich den frenetischen Bläserschneid und die Streicherinbrunst seine Zürcher "Genoveva"-Präsentation vom letztem Jahr an, so ist man geneigt, ihm zu glauben.
Von jenem Psychograben sieht auch Martin Kušej Schumanns einzige Oper zerfurcht. Natürlich hat der "Kärntner Bühnenberserker" (SZ) nichts am Hut mit einem christlich-moralinsauren Ritterkreuzzug, erst recht nicht mit einem bürgerlichen Ehe-Happy-End dieser Dreiecksgeschichte zwischen der Gattin des kreuzzugsreisenden Burgherren Siegfried und Golo, seinem Vertrauten, der Genoveva heimlich liebt und, von ihr zurückgewiesen, mit Ammen(Hexen-)hilfe auf Rache sinnt. Was aber ist dann anzufangen mit diesem vieraktigen Unglücksopus, das seit seiner Leipziger Uraufführung 1850 als zerfahren, widersinnig gescholten wird – nicht zuletzt, weil Schumanns selbstverfasste, biedermeierlich-spießige Ehebefriedung am Ende der Hebbel- und Tieck'schen Tragödienvorlage ihre ganze Fallhöhe zu nehmen scheint? Kušej lässt alle Ungereimtheiten vergessen, indem er eine Selbstentäußerung des Komponisten inszeniert, die in einem grell-weiß gekachelten, hermetisch geschlossenen Innenraum angesiedelt ist, in dem die Hauptprotagonisten – Schumanns multiple Persönlichkeit – ständig präsent bleiben. Wobei der moralfeste, kaltherzige Siegfried (machtvoll: Martin Gantner) und der heißblütig verliebte, rachelüsterne, aber auch reumütige Golo (mit imposantem wie wandlungsfähigem Tenor: Shawn Mathey) dasselbe Objekt teilen: Clara-Genoveva. Juliane Banse spielt und singt diese höchst modern angelegte, Ibsen'sche Titelheldin mit eigenartig reservierter Leidensintensität, die einem ans Herz greift, so glaubwürdig wirkt ihr zerbrechlicher Sopran und ihre ausgefeilte, stumme Gestik, mit der sie eine schicksalhaft verlorene Frau präsentiert, die, von der Männerwelt verachtet und um deren Moral und Ordnung bzw. Egomanie willen (fast) geopfert, innerlich längst gestorben ist. Wer am Ende in ihre Augen blickt, der erschrickt geradezu darüber, wie traurig und verlogen ein frenetisch geschmetterter H-Dur-Heil-Jubel der Männerwelt klingen kann. So dürfte dank Harnoncourt und Kušej der Opernkomponist Schumann vielleicht wirklich eine Renaissance erleben. Aber wer sollte den doppelten Zürcher Glücksgriff von Musik und Bühne wiederholen können?

Christoph Braun, 05.03.2009



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




Top