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N° 1253
14. - 20.05.2022

nächste Aktualisierung
am 21.05.2022



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Peter Iljitsch Tschaikowski

Sinfonie Nr. 5, Francesca da Rimini

Gustavo Dudamel, Simón Bolívar Orchester Venezuela

DG/Universal 477 8022
(74 Min., 1/2008) 1 CD

"Das habt ihr aber toll gemacht für euer Alter!" – solch gönnerhaftes Auf-die-Schulter-Klopfen ist längst fehl am Platz. Seit einigen Jahren ist das weltberühmte Jugendorchester aus Venezuela auf den namhaftesten Konzertbühnen zu Hause. Neben seinem mittelamerikanischen "Fiesta"-Image pflegt es zunehmend auch per CD die klassische europäische Sinfonik. Insbesondere Tschaikowski sauge man, so sein Leiter Gustavo Dudamel, im inzwischen oft kopierten musikalischen Erziehungssystem seiner Heimat quasi mit der Muttermilch auf.
Wenn man solche venezolanische Prädestination mit der eingängigen Leidenschaftlichkeit dieser westlichsten aller russischen Sinfonik koppelt, dann kann man bei der Einspielung von Tschaikowskis Fünfter eigentlich nur gefährlich brodelnde Lava erwarten. Doch weit gefehlt. Als wollte der freundliche Hitzkopf gegen das eigene Image des unbeschwerten Draufgängertums angehen und das Seriöse: die disziplinierte Klangkultur seiner jugendlichen Hundertschaft unterstreichen und zudem zeigen, dass Tschaikowski hier eine nach klassischem Sonatensatzmuster korrekte Sinfonie konzipiert habe, nähert er sich den ersten drei Sätzen nur mit stark angezogener Bremse. Natürlich ist nichts gegen ausgefeilte Klangvaleurs und wohlproportionierte Temporelationen zu sagen. Aber doch nicht um den Preis korrekter, weichzeichnender Langeweile! (Man vergleiche nur etwa Fricsays siedend heiße und gleichzeitig formal strenge Einspielung.) Im "Molto vivace"-Teil des Finales öffnet Dudamel endlich – sehr spät – die Schleusen des Tschaikowski'schen Sturzbaches und überlässt sich und seine Schützlinge gewissermaßen ihrem hinreißenden Image. Mit diesem wird dann auch die tragische "Francesca da Rimini"-Fantasie, Tschaikowskis monströs wagnerianernde Adaption von Dantes fünftem Infernogesang, zu einem Loge‘schen Höllenfeuer. Deshalb die inständige Bitte an die coolen Venezolaner: Werdet bloß nicht zu seriös!

Christoph Braun, 19.03.2009



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