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N° 1229
27.11. - 03.12.2021

nächste Aktualisierung
am 04.12.2021



Wie beurteilt man im Händeljahr eine Neuaufnahme des "Messiah" gerecht und unvoreingenommen, die als x-undvierzigste Einspielung auf den übervollen Markt drängt? Kann Frieder Bernius noch etwas Neues herausholen aus dieser überaus vertrauten Musik, das neben Cleobury, Parrott, McCreesh und einigen wenigen anderen großartigen Verwirklichungen Aufsehen zu erregen vermag? Vielleicht ist ein Perspektivenwechsel die Rettung: Wie vertragen sich Bernius’ markante interpretatorische Specials mit Händels Musik? Da ist sein homogener Chorklang, in dem zwar die Bässe kernig, die Tenöre hell und glänzend klingen dürfen, während die Soprane vor allem in der Höhe eher gedeckelt werden, um Schärfen zu vermeiden; da ist sein volles, opulentes, aber auch weiches Orchestertimbre, das nicht gerade die Ecken und Kanten des historischen Instrumentariums, sondern eher dessen integratives Potential herausstellt. Dies alles ergibt in den zahlreichen Chorsätzen eher einen Edel- und Wohlfühl-Händel als einen aufrüttelnden oder gar schockierenden. In homofonen Passagen, wo der Sopran hauptsächlicher Vermittler des Textes ist, werden einem die Worte nicht gerade um die Ohren gehauen, sondern gehen gelegentlich fast mehr als Farbe denn als Botschaft in den Gesamtklang ein (das hätte Charles Jennens sicher nicht gefallen). Das filigrane und offen gelegene Koloraturenwerk vieler Nummern jedoch erfährt eine differenzierte Ausziselierung und wird von weichen Orchesterakzenten sanft vorangetrieben: Auch hier keine Akrobatik, sondern Wohlfühl-Virtuosität – man höre etwa "For unto us a child is born".
Wohlfühlen darf man sich fast lückenlos auch mit den Solisten: Zwar entspricht Peter Harvey nicht der reizvollen Tradition des leicht angerauten, überwältigend stimmgewaltigen Bassisten, bietet aber mit seiner bezaubernd schönen Baritonstimme und seinem stets traumwandlerisch sicheren Zugriff auf die Details des Textes musikalische Rhetorik der feinsten Sorte. Carolyn Sampson brilliert mit ihrer inzwischen durchaus üppigen und gar nicht sonderlich vibratoarmen Stimme dank beträchtlicher Koloraturbegabung und großer Gelenkigkeit in der Ausgestaltung der melodischen Bögen. Das Fazit? Ein angenehmer, warmherziger "Messiah", in dem man jede Nummer genießen kann: Unaufgeregt, souverän, absolut zielsicher produziert vor dem Hintergrund des vertrauten Bernius’schen Ausdruckswollens. Hier und da treibt das Harmoniestreben indes eigenartige Blüten: Im langsamen Teil der Ouvertüre nimmt Bernius die kurzen Notenwerte so breit, dass man glaube könnte, er wolle die mittlerweile doch allgemein etablierte Doppelpunktierung wieder abschaffen.

Michael Wersin, 02.05.2009



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