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N° 1272
24. - 30.09.2022

nächste Aktualisierung
am 01.10.2022



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Momenta

Julian Argüelles

Basho Records/Rough Trade 57370242
(66 Min., 5/2008) 1 CD

"Jazz bedeutet", so Julian Argüelles, "Fehler zu machen und trotzdem gut zu klingen." Was so klingt wie ein typischer Auswuchs englischen Humors, erweist sich nach dem Anhören von "Momenta" als Paradebeispiel britischen Understatements. Es dürfte nahezu unmöglich sein, einen Fehler in dieser Aufnahme zu finden – so makellos und genau setzt die um den Gastpianisten Gwilym Simcock verstärkte Frankfurt Radio Bigband die Vorgaben ihres langjährigen Orchestermitglieds um.
Und die sind nicht ohne. Denn Argüelles, der zu recht als einer der bemerkenswertesten zeitgenössischen Jazzsaxofonisten Großbritanniens gilt, hat bei seinen Arrangements keineswegs die klassisch swingende Big-Band-Tradition im Kopf. Alles andere wäre bei dem Gründungsmitglied der englischen Wunderkind-Formation Loose Tubes und dem temporären Mitstreiter von Carla Bley, Kenny Wheeler und Colin Townes wohl auch verwunderlich.
"Momenta" beginnt still, mit dem wohlig weichen "Barcelona 1936", einem an Nino Rota erinnernden Orchesterwerk voller Mittelmeer-Sentiment. Darauf folgt der choralartige Bläsereinstieg von "You See My Dear", in dessen Solopart Argüelles auf dem Tenor Charlie Marianos "Tears of Sound" wiederauferstehen lässt. Dann aber, nach den konventionelleren Big-Band-Sounds, die in "Phaedrus" zum Einsatz kommen, nimmt "Momenta" unversehens Kurs in Richtung Postmoderne. "Evan’s Freedom Pass", "Skull View" und – nomen est omen – "Mish Mash" leben von überraschenden Stimmungs- und Stilwechseln. Da wird aus einer sanften Ballade plötzlich ein Flamenco-Stück, da prallen Charles Mingus und Free Jazz aufeinander, da wird Lalo Schifrin mit einer Rockgitarre konfrontiert. Das alles geschieht aber so organisch, dass man zwangsläufig zu einer anderen Jazzdefinition als Argüelles kommen muss: Es ist die hohe Kunst, das Chaos in Schönheit zu verwandeln.

Josef Engels, 17.07.2009



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