Responsive image

Historicity

Vijay Iyer-Trio

ACT/Edel 0094892ACT
(61 Min., 4/2009) 1 CD

Es sind gewaltige Klanggebirge, die Vijay Iyer am Flügel sowie der Bassist Stephan Crump und der Schlagzeuger Marcus Gilmore auftürmen und dabei oft die gängigen Taktarten völlig außer Acht lassen. Ähnlich wie der M-Base-Saxofonist Steve Coleman unterlegt er seinen Stücken komplexe Metren, die – so schräg sie auch zu zählen seien – einen packenden Drive entwickeln, selbst wenn sie, wie in "Mystic Brew", durch Auslassungen zu holpern scheinen. Nur wer wisse, wo er herkommt, könne sich dessen bewusst sein, wohin er strebt, ist die Quintessenz eines Zitats des italienischen Kommunisten Antonio Gramsci, den er im Booklet zitiert. Vijay Iyer kennt nicht nur den Ahnvater des modernen Jazzpianos, Thelonious Monk, sondern auch dessen Nachfolger vom Romantiker Bill Evans über den reifen Stilisten Andrew Hill oder den begnadeten Improvisierer Muhal Richard Abrams und bis zum alle Grenzen des Klavierspiels sprengenden Energiebündel Cecil Taylor. Aus diesem Fundus entstehen kraftvolle Werke, voll von unerwarteten Wendungen, aber auch durch Ostinati und Variationen kraftvoll einem Ziel zustrebende Stücke. Wer längere Stride-Passagen sucht oder sich Blockiges à la Monk erhofft, wird ebenso enttäuscht wie jemand, der sich einem träumerischen Bewusstseinsstrom hingeben möchte. Da derart offenkundige Traditionsbezüge ausbleiben, hat "Historicity" nicht das Geringste mit dem historisierenden, ältere Stile in die Gegenwart verlängernden Herangehen des Kreises um Wynton Marsalis zu tun. Hier geht es um radikal Neues, das sich nicht im luftleeren Raum entwickelt hat, sondern aus gründlicher Instrumentenbeherrschung und Geschichtskenntnis hergeleitet ist. Dieses Wissen um das Gestern verdichtet das Trio von Vijay Iyer zu brillanten Stücken für heute und morgen.

Werner Stiefele, 28.08.2009



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




Top